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Fast nackte Frauen und ein Yogi

Oktober 20, 2011

Das war sie also, meine erste Yogastunde (eigentlich 90 min). Die anderen Kursteilnehmer sind ausnahmslos Studenten, die in der Vorstellungsrunde (Name? Warum Yoga? Schon Erfahrungen damit  gemacht? Andere Sportarten?) nicht versäumten zu erwähnen, was sie studieren. Sind wohl alles Erstsemester. Denen ist es noch wichtig, zu betonen dass und was (nicht das möglicherweise jemand auf die Idee kommt, sie hätten sich die Berechtigung zur Teilnahme am Hochschulsport über ihre Tätigkeit als Krankenpfleger, Sekretärin oder gar Hausmeister erworben). Das ist so, wie die Erstsemester der Veterinärmedizin gern mit ihrem Köfferchen in der Mensa auftauchen. Aber Köfferchen wären beim Yoga ja auch etwas unangebracht.

Der Kursleiter sieht genau so aus, wie man sich einen Yogi vorstellt und ich frage mich für einen kurzen Moment, ob ich hier wirklich sein will. Doch der erste Eindruck täuscht zum Glück. Er erwähnt das mit der Philosophie nur kurz und bietet an, dass, wer sich dafür interessiert, ihn nach der Stunde ansprechen kann. Ansonsten konzentriert er sich auf körperlich Übungen, die richtige Atmung und den Wechsel von An- und Entspannung.

Ich bin auch höchst konzentriert und vergesse, dass hier alle meine Kinder sein könnten.

Nach 90 min bin ich total erschöpft, krieche auf mein Sofa und schlafe ziemlich schnell ziemlich fest ein.

So gesehen, habe ich meine erste Übungsstunde gut überstanden.

Jack dagegen, der Freund, der in Texas geboren wurde und aufgewachsen ist, schwankt zwischen Verwirrung und Entrüstung.

Jack geht schwimmen. Nein, er gehört nicht zu der Art Amerikaner, denen die engen Treppen in Brügger Türmen zu eng werden. Jack gehört zu diesem anderen Typ. Diesem Sonnyboy-Typ. Groß, gut gewachsen und auch noch aussehend. Aber weil er ja nun auch nicht mehr in dem Alter ist, wo man sich diesbezüglich auf seine guten Gene verlassen sollte, geht er also schwimmen. Eine einfache Sache eigentlich. Auch für einen Amerikaner. Sollte man meinen. Wenn da nicht dieser Drang der Deutschen wäre, sich gern mal auszuziehen und daran überhaupt  nichts Verwerfliches zu finden!

Aber erst mal geht alles gut. Jack verausgabt sich ausgiebigst und beeindruckt, seine Bahnen ziehend,  mit seinen professionell ausgeführten Schwimmstilen. Dann, ordentlich ausgepowert und zufrieden mit sich und dem Eindruck, den er hinterlassen hat, begibt er sich zu den Herrenduschen. Von dort aus geht es in die Herrenumkleide. Dazu muss er einen Gang überqueren. Und was begegnet ihm dort? „Nur“ in Handtücher gehüllte und darunter vermutlich splitternackte Vertretereinnen des weiblichen Geschlechts! Vorbei ist es mit dem guten Gefühl des guten Eindrucks. Gerade noch der Hingucker im Wasser mutiert er in Bruchteilen einer Sekunde zum Idioten, der mit hochrotem Kopf auf dem Gang steht und vergessen hat, welche Tür jetzt zur Herrenumkleide führt. Da bleibt nur, als er sie endlich gefunden hat, sich schnell und möglichst ungesehen aus dem Staub zu machen.

Yoga haben wir ja schon früher praktiziert – z.B. wenn in Rumänien kein Bus kam

Ich gehe übrigens nächste Woche wieder zum Yoga. Und Jack, denke ich mal, hat sich bis dahin auch wieder erholt.

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7 Kommentare leave one →
  1. Tthomas permalink
    Oktober 20, 2011 9:51 am

    Da ich mich in Deiner Yoga Schilderung zu 99% wiederfinde vermute ich mal das es sich um Kundalini-Yoga handelt? Richtig?
    p.s. es fühlt sich toll an, dass regelmässig weiterzumachen 🙂

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  2. Oktober 20, 2011 6:03 pm

    So etwas wie eine gemischte Sauna gibt es in Texas höchstwahrscheinlich nicht, dafür gilt ein Handtuch als einzige Bekleidung schon als sexuelle Belästigung.
    Jack dürfte auf jeden Fall einiges zu erzählen haben, wenn er wieder in der Heimat ist.

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  3. Oktober 20, 2011 9:31 pm

    Eine Woche zum Erhohlen sollte wohl ausreichen. Es war ja immerhin noch Handtuchbekleidung da. 😀

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    • Oktober 21, 2011 3:41 pm

      Ja, das hoffe ich. Und Jack muss ja auch lernen mit den Gepflogenheiten hier umzugehen. Schließlich will ich ihn nächsten Sommer mit an den See nehmen…

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  4. Oktober 21, 2011 11:33 pm

    Haha. Eine (britische) Freundin hier hat in der Damenumkleide ihre Brille verloren. Da stand sie nun, halbnackt und blind wie ein Maulwurf. Und scheinbar gilt in amerikanischen Umkleiden ein ungeschriebenes Gesetz; wer nackt, bzw. halbnackt ist, der existiert für mich nicht und ich für ihn nicht. Wegen des Schamgefühls. Sie war aber so verzweifelt, dass sie die Dame neben sich ansprach. Normalerweise ein absoultes no go! Aber die Gute war Deutsche und hatte überhaupt kein Problem damit, halbnackt einer anderen halbnackten zu helfen 🙂

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    • Oktober 22, 2011 9:31 am

      Hahaha! Tolle Geschichte! Da hat die britische Freundin ja richtig Schwein gehabt. Und sie muss wirklich verzweifelt gewesen sein, denn die sind ja diesbezüglich auch etwas, nun ja, anders.Eine meiner britischen Freundinnen hier in L.E. jedenfalls empfindet es schon als eine Herausforderung, im Wartezimmer beim Arzt die anderen Patienten mit „Guten Tag“ zu begrüßen.

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