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Montag, 13:00 Uhr

Oktober 18, 2011

Zeit, im Innenhof eine zu rauchen.
Weil die Sonne scheint, als wolle sie einen verspäteten Sommer einleiten, liegt auf dem Balkon des Seitenflügels ein Patient. Palliativstation.
Normalerweise bemerke ich diese Station nicht. Menschen sterben still- und einsam. Nur manchmal, wenn mir im Treppenhaus die Angestellten eines Bestattungunternehmens begegnen, werde ich daran erinnert. Besucher der Patienten treffe ich eher selten. Angehörige scheinen sich mit dieser Art Sterben nicht beschäftigen zu wollen. Vielleicht haben sie die Sterbenden auch einfach vergessen, weil sie sie schon lange, bevor sie hierher kamen, in Alten- oder Pflegeheime abgeschoben haben? Oder sind sie genau so leise und unsichtbar wie die Sterbenden?
Es ist ein schöner Tag. Einer, an dem man sich erfreuen könnte.
Traurig denke ich an meine Oma, die im Altersheim starb. Hätte ich etwas ändern können? Kurz habe ich damals daran gedacht, sie zu mir zu nehmen. Für einen leisen Moment nahm mir die Vorstellung, wie sie einsam in einem Heim auf ihr Ende wartet, die Luft zum Atmen. 2 oder 3 Tage lang. Dann hatte ich eine Ausrede für mich gefunden; ich glaube, es war die zu kleine Wohnung.
Früher starben unsere Alten im Kreise ihrer Familien.
Ich erinnere mich, als ich Kind war, lebten vier Generationen auf einem Bauernhof. Irgendeine Uroma oder ein Uropa wurde immer auf eine Bank gesetzt, um uns, die Kleinsten zu beaufsichtigen. Entsprechende Person war die oder der Wackligste auf dem Hof und scheinbar sonst zu nichts mehr zu gebrauchen. Nutzlos war sie indes nicht. Selbst wenn er oder sie eigentlich nicht mehr so gut zu Fuß war, konnte er oder sie doch mahnend eingreifen, wenn wir es zu doll trieben. Dann saß jemand anderes auf der Bank im Hof; und wir Kinder mussten an ein Bett treten, eine zittrige Hand halten oder uns über die Köpfe streichen lassen. Ich hatte immer Angst, dass die Großtante oder der Großonkel in dem Moment sterben könnte, wenn ich am Bett bin. Während der Totenwache mussten wir dann noch mal Abschied nehmen. Zur Beerdigung brauchten wir dann aber nicht, genau wie der/die nächste Alte auf der Bank.
Meine Oma aber starb im Altersheim. Liegt es wirklich an der Zeit, die sich geändert hat? Am Lebensraum Stadt? Daran, dass Familien nicht mehr zusammen leben, wie es früher auf dem Lande üblich war und ich übrigens auch noch aus der Stadt kenne?
Oder sind das nur Entschuldigungen? Ausflüchte, die wir suchen, um uns nicht unsere Entmenschlichung einzugestehen?
Es ist ein schöner Tag. Einer, an dem man sich erfreuen könnte.
Ob jemand da sein wird, der sich daran erinnert, wie der Tag war, an dem der Patient auf dem Balkon sterben wird?

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