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Einsichten

Oktober 16, 2011

Jack, neu in der Stadt, im fernen Texas geboren und aufgewachsen, ist wissbegierig und will alles über die Deutschen im Allgemeinen und die Sachsen im Besonderen lernen. Da er nahezu fließend Deutsch spricht, ist er sowohl an der ortsüblichen Mundart interessiert als auch an Begriffen, die so nicht in seinem Wörterbuch stehen.

Sein in der Tieflandbucht geläufiges Sächsisches Lieblingswort ist Hä. Das entspricht ungefähr dem Dresdner Nu und ist in fast allen Lebenssituationen anwendbar. Für einen Nichtsachsen im Allgemeinen und einen Nichtdeutschen im Besonderen allerdings sehr schwierig zu benutzen, da das Hä gefühlte 1000 unterschiedliche Betonungs-und Dehnungsarten hat. Das ist schriftlich hier sowieso nicht nachvollziehbar. Man muss es schon hören und vermutlich von Geburt an auch benutzen, um in jeder Lebenslage den richtigen Ton zu treffen. Erwähnt sei hier nur, dass die Aussprache von einem kurzen Hä, dass jede, wirklich jede Frage ersetzt, bis zu einem langgezogenen Hääi, das  zur Bekräftigung an nahezu jeden Aussagesatz gehängt gehört, reicht.

Gut, es gibt auch einfachere Wörter, die nicht unbedingt dem Sächsischen entspringen.

Letztens beispielsweise machten wir uns ein bisschen über den gemeinen Beutelgermanen lustig. Und Jack wollte sofort wissen, was das ist. Wir mussten erst mal selber nachdenken, ob es diesen Begriff schon vor der Wende gab, schleppte der gemeine Ossi seinen erstandenen Rotkohl doch in Netzen nach Hause, oder erst nach der Wende, als jeder Müll, der von einem Auto mit westdeutschen Kennzeichen gereicht wurde, in Beutel gestopft und nach Hause geschleppt wurde.

Wir kamen zu keinem Ergebnis.

Heute jedenfalls kann man Beutelgermanen jeden Samstag auf dem Wochenmarkt vorm Stadion sehen. Nun sind Wochenmärkte an sich ja nichts schlechtes. Dieser ist aber ein besonderer. Zwar gibt es auch hier, etwas versteckt, Spezialitäten aus Polen (die machen wirklich gute Wurst) und ein Stück weiter eine Biobäckerei, aber die sind wirklich Ausnahmen. Man kann sich da nämlich sehr billig einkleiden. Leider sieht man das den Klamotten dann auch an, wenn sie getragen werden. Das Spielzeug bewegt sich auch zwischen Rosa und Spielzeuggewehr und besteht durchweg aus Plaste.

Nun gut, das eigentlich interessante ist der Markt hinterm Markt. Dort wird nämlich verkauft, was in den Gemüseläden liegen blieb. Dazu gibt es einen sogenannten MHD Stand, wo, zu Preisen zwischen 0,10 und 1,00€, alles angeboten wird, das kurz vorm Verfallsdatum steht oder dieses schon überschritten hat. Die wöchentlich länger werdende Schlange ist ein deutliches Barometer für das sinkenden Grundeinkommen der Stadtbevölkerung.

Das Obst und Gemüse wird grundsätzlich nur Beutel-oder Stiegen weise angeboten. Und so schallt es aus allen Ecken und Enden: Eine Kiste Mandarinen nur ein Ääuro (das ist nicht Sächsisch!). Kaufen, Kaufen, Kaufen. Zwei Beutel Apfel, ein Ee-uro. Eine Kiste Salat ein Ä-uro. Zwei Kilo Tomaten 1 Euro. Deutsche Qualität! (hä?) Eine Kisten Trauben, süß, ein Ee-iro.

Wer da einkaufen geht, kann nur mit Beuteln abrücken. Mit vielen Beuteln. So sieht man sie dann zur Straßenbahn wanken, in ihren rosa Jacken und abgetragenen Schuhen.

Jack findet das alles sehr traurig. Und ich schäme mich plötzlich. Und streiche das Wort Beutelgermanen augenblicklich aus meinem Wortschatz.

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10 Kommentare leave one →
  1. Oktober 16, 2011 11:38 am

    Es ist der Beutelgermane eventuell nur eine Verballhornung des Beutegermanen?

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  2. Oktober 16, 2011 9:41 pm

    Wenn man da nur eine Minute drüber nachdenkt ist das auch traurig. Hier werden die Reste meist von Tafeln eingesammelt und an Bedürftige kostenlos abgegeben, ich fahre jeden Donnerstag auf dem Weg zur Arbeit an der Ausgabestelle der Ahrensburger Tafel vorbei, die Schlangen werden auch immer länger.
    Wenn man dann in anderen Stadtteilen Villen sieht, die keine Gärten sondern Parks haben und alle Parkplätze mit Porsches belegen, dann weiß man wieder, dass irgendwas faul sein muss am Kapitalismus.

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  3. Oktober 16, 2011 10:34 pm

    @ Doktor Peh: Wieder was dazu gelernt. Kannte ich wirklich nicht. Hat aber , wie schon ein eine Antwort weiter oben erwähnt, nix miteinander zu tun. Vielmehr ist Beutelgermane ein ziemlich arrogantes Schimpfwort für Menschen mit meist geringen Einkommen, die an Wühltischen oder eben auf oben beschriebenen Märkten „zuschlagen“
    @Zaphod
    Das perfide hier ist, dass dieser Markt am Rand eines der teuersten Wohnviertel der Stadt liegt. Um dahin zu gelangen, muss ich zB immer durch die nobelste Villengegend fahren.

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  4. tiger permalink
    Oktober 17, 2011 5:49 pm

    Hmm, also nach Wikipedia war es Wolfgang Stumpf:

    „Gegen Ende der 1980er Jahre gelang Stumph der Sprung in die Fernsehunterhaltung mit komödiantischen Gastauftritten als sogenannter Beutelgermane in Gunther Emmerlichs Showkolade. Hier trat er als Mann aus dem Volk auf, der dem Showmaster Emmerlich mit seinen kritischen Hinweisen und seinen Erlebnissen „auf die Nerven“ ging – zugunsten des begeisterten Publikums. In der Sendung wurde er Stumpi genannt und hatte die in der DDR üblichen wiederverwendbaren Dederonbeutel dabei. Dieses persiflierte den ostdeutschen Beschaffungsdrang nach nicht vorhandenen Waren.“
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Stumph)

    Als eingeborener Wessie kann ich das nur nicht weiter beurteilen…..

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    • tiger permalink
      Oktober 17, 2011 5:53 pm

      Achso, das macht hoffentlich keine Probleme wg. Urheberrecht? – Sonst bitte löschen…..

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    • Oktober 17, 2011 6:03 pm

      Hallo tiger!
      Danke für den Hinweis. Ich denke aber, dass Wolfgang Stumpf als Kabarettist sich da aus dem Volksmund bedient hat. Ich z.B. kenne ihn gar nicht in dieser Rolle. Dieser Begriff ist hier aber seit Jahren als Schimpfwort gebräuchlich. Der von Dir gefundene Wikipedia Eintrag zeigt aber, dass es den Begriff schon vor der Wende gab, und darüber waren sich meine Kollegen und ich nicht sicher.

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