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Stadterkundungen

Oktober 13, 2011

Ein Freund ist neu in der Stadt.

Der Freund ist im fernen Texas geboren und aufgewachsen. Das zu erwähnen ist wichtig für die Geschichte, die er mir neulich erzählte und die ich hier nun so frei bin, zum Besten zu geben.

Er kommt also in unsere schöne Messestadt, um der Wissenschaft hierzulande ein bißchen mit seinem Know How auf die Sprünge zu helfen. Und weil er ein weltoffener und interessierter Mensch ist, der als GI auch schon mal die große Insel zwischen Atlantik und Pazifik verlassen hat und also weiß, dass die Welt nicht nur aus Amerika, Mexiko und dem Irak besteht, hat er sich vorbereitet und Deutsch gelernt. Sehr gut sogar. Nahezu fließend. Ich erwähne das, weil diese Art der Vorbereitung durchaus nicht üblig ist.

Der Freund also, nennen wir ihn Jack, wohnt erstmal in einer Pension. Bis er eine passende Wohnung im Norden des Stadtzentrums gefunden hat. Jack ist wißbegierig und lernt alles, was es über die Deutschen im Allgemeinen und die Sachsen im Besonderen zu lernen gibt. Fast ist es manchmal etwas anstrengend, seine vielen Fragen zu beantworten. Aber als echter Ami, der er ist, hat er ja keine Berührungsängste und spricht auch fremde Menschen an, wenn er etwas nicht versteht.

Deutsch kann er ja.

Sehr gut sogar.

Nachdem er also gelernt hat, dass die Lampen in seiner Wohnung nicht vom Vormieter geklaut wurden, sondern, wie es hier nun mal üblich ist, ordnungsgemäß abgebaut und in dessen neue Wohnung mitgenommen wurden und ein paar Deutsche Freunde eine Hilfsaktion starteten und in einem Schwedischen Einrichtungshaus das notwendige Equipment besorgt haben, so dass Jack nicht mehr im Dunkeln vor seinem schönen großen TV- Bildschirm sitzen muss, beschließt er, seine neue Wohngegend zu erkunden.

Er schnappt sich sein Fahrrad.

Ja, Jack fährt Fahrrad. Dass man das hier so macht, hat er schon in den ersten Tagen erkannt und da er genau so leben möchte wie wir, hat er sich ganz flugs eins gekauft.

Er schiebt sein Fahrrad also an einem kalten Oktoberabend auf die dunkle, regennasse Straße und fährt los. Richtung Norden.

Das Mädchen, das da schon nach wenigen Metern zitternd am Straßenrand steht, bemerkt er wohl und er denkt sich: Welch unpassende Kleidung für einen kalten Oktoberabend.

Als er ca eine Stunde später genug erkundet hat und wieder zurück kommt, steht das Mädchen immer noch.

Jack wundert sich und weil er neugierig ist und ja alles lernen will über die Deutschen im Allgemeinen und die Sachsen im Besonderen, hält er sein Fahrrad an und beobachtet die Szenerie zunächst von der gegenüberliegenden Häuserecke.

Es dauert schätzungsweise 5-10 min bis ihm ein Licht aufgeht.

Oh my God! Denkt er, this is a prostitute!

So was hat er zu Hause noch nicht gesehen, behauptet er. Ich will ihm gern glauben, dass das öffentliche Zuschaustellen dieser Art Ware da drüben unüblich ist (man weiß ja, wie prüde die da sind und war Jack nicht letztens zu Tode erschrocken, als ich ihm den Besuch einer gemsischten Sauna vorschlug?), aber das er noch nie..! Nee.

Aber gut.

Wie dem auch sei, er ist sich nicht sicher und da ich gerade nicht da bin, um seine ihm auf der Seele brennenden Fragen zu beantworten und auch sonst niemand, beschließt er, der Sache selbst auf den Grund zu gehen.

Er überquert die Straße und spricht das Mädchen an.

Der nun folgende Dialog hat sich in etwa so abgespielt.

Hi

Hi

Entschuldige, ich bin Amerikaner und kenn mich hier nicht so aus. Was machts Du hier?

Wonach sieht es denn aus ?

Eigentlich muss es heißen Wonachsiiedsnaus und Jack musste, übrigens bei jeder Antwort, die er bekam, drei mal nachfragen, denn so richtig Sächsisch kann er noch nicht. Aber um den ohnehin schon viel zu langen Blogeintrag nicht unnötig in noch größere Länge zu ziehen, kürze ich mal ab

Äh, bist Du eine Prostituierte?

Hä?

Bist Du Prostituierte?

Hä? Achso, ja ich geh auf’n Strich.

Oh ja. Hm und wie geht das?

Hä? Bist Du pervers oder was?

Nein. Nein. Sorry. Ich wollte nur wissen, also, wenn dann so ein, ein..

Freier?

Ja also so ein Freier kommt, wo .., also wo geht Ihr denn dann hin?

Hm, kommt drauf an. Hotel, Auto, Hauseingang oder gleich hier in den Busch.

(Jack schwört Stein und Bein, dass sie Busch gesagt und er sich nicht verhört hat!!!)

Oh! Ja.. und wieviel verdienst Du dabei?

Die junge Dame rattert nun den Preiskatalog runter.

Das ist aber nicht viel.

Nee, ist eben Leipzig.

Jack bedankt sich, überquert die Straße, springt auf sein Fahrrad und kurze Zeit später kann er mir endlich mal was erzählen, was ich noch nicht wusste.

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7 Kommentare leave one →
  1. Oktober 13, 2011 12:36 pm

    Wow, immerhin wurden seine Fragen wohl freundlich und erschöpfend beantwortet. Ich bin nicht sicher, dass er hier auf dem Kiez damit Glück gehabt hätte, die Damen dort sind nur freundlich solange man mit Geldscheinen winkt.

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    • Oktober 13, 2011 6:21 pm

      Ja, ne? Ich bin der Dame auch sehr dankbar, dass sie für eine Fortsetzung des Guten Eindrucks, den wir bei Jack bisher hinterlassen haben, gesorgt hat. Er wird diese vielen Guten Eindrücke auch brauchen, weil im kommenden Sommer, so wir einen kriegen, will ich ihn mit an den See nehmen. Und da der See, wie auch unsere schöne Messestadt, im Osten liegt… also ich hoffe mal, dass es nicht zuuu traumatisch für ihn wird.

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  2. Oktober 15, 2011 6:17 pm

    Köstlich! 🙂 Also natürlich nicht die Sache an sich, aber deine Schilderung derselben.

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  3. Oktober 16, 2011 11:37 am

    Die Preisliste hätte mich natürlich jetzt mal interessiert. Da ich mich bis dato noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt habe.

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  4. Oktober 21, 2011 11:54 pm

    Prostitution ist in den USA in den meisten Städten, Gemeinden und Bundesstaaten illegal (Las Vegas ist eine der Ausnahmen). Daher kannst du ihm ruhig glauben, dass er das noch nie gesehen hat.

    Gibt immer wieder tolle Diskussionen. 😀 Und auf den Bericht über den Badesee bin ich auch gespannt (Ostsee wäre auch noch was 😀 )

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    • Oktober 22, 2011 9:27 am

      Ja, so langsam glaube ich ihm diesbezüglich fast alles *grins* So große runde Augen, wie er immer kriegt. Und Ostsee… Ich denke da eher homöopathisch: Kleine Dosis, große Wirkung

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