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Neulich beim Bäcker Teil II

Oktober 12, 2011

oder Überfluss schafft Überdruss

Letztens, als ich wieder mal 5 vor Schluss zum Bäcker meines Vertrauens kam, empfing mich dessen Frau freudestrahlend mit den Worten: „ Heute gab‘s die ersten Reformationsbrötchen!“ In einer  jeder Schauspielerin zur Ehre gereichenden professionellen Geschwindigkeit setzte sie, kaum das sie’s ausgesprochen hatte, eine betrübte Mine auf und fuhr fort: „Die sind allerdings jetzt schon lange alle.“

Ja, wie jetzt.

Reformation?

Ist denn schon…

Natürlich ist mir schon in den vergangenen Jahren aufgefallen, dass es dieses besondere Backwerk schon einen Monat zu früh gibt. Indes, ich hatte es über den Sommer, den ihm vorausgegangenen Frühling und dem wiederum diesen vorausgegangenen Winter vergessen, stand wieder mal verblüfft da und wusste nix zu sagen.

Dafür ratterten meine Gedanken nach dem Verlassen des Ladens um so mehr.

Warum nur verderben wir uns immer so spezielle Freuden?

Wie den Genuss eines Reformationsbrötchen, dass es früher, also vor 1990, nur am 31.10. gab. Selbst wenn dieser Tag auf einen Sonntag fiel, durften die Bäcker für ein paar Stunden öffnen und die Backware, und nur diese, verkaufen.

Wieso nehmen wir diese Übersättigung der Sinne hin? Und berauben uns dadurch einer ganz besonderen Freude.

Denken Sie doch nur an  die ersten Erdbeeren.

Oder die ersten Gurken.

Natürlich schmecken die ersten, hier geernteten Erdbeeren besser als die, die uns das ganze Jahr über aus Supermarktregalen anlächeln.  Und natürlich schmecken wir die frisch geernteten im Mai immer noch heraus.

Aber können Sie sich noch an eine Zeit erinnern, als es Erdbeeren nicht das ganze Jahr gab?

An die Freude auf den Mai?

An die Geschmacksexplosion, wenn Sie die erste Beere des Jahres in den Mund schoben?

Oder die erste Gurke!

Ich erinnere mich, wie wir, das große Kind war noch klein und hatte das Vergnügen in einer WG aufzuwachsen, einmal eine Gurke in den Gefrierschrank sperrten. Im Winter  befreiten wir sie, schnitten sie sofort in hauchfeine Scheiben und verarbeiteten sie zu Salat. Dieser Genuss im Winter kam so unerwartet, dass ich mich heute noch daran erinnere.

Und daran, wie alle WG-Bewohner, nachdem sie ihr Schälchen Salat schmatzend verzehrt hatten, gierig das große Kind beobachteten, das einfach noch zu klein war, als das es so schnell hätte essen können und nun, unter unser aller Blicken und für unseren Geschmack viel zu langsam, ihren Salatanteil verzehrte.

Nie wieder hat mir eine Gurke, eine einfache grüne Gurke, so ein geschmackliches Erlebnis bereitet.

Und auch an Reformationsbrötchen habe ich nicht mehr so die rechte Freude.

Überfluss schafft Überdruss. Neulich beim Bäcker habe ich es  wieder ein mal verstanden,  dieses Sprichwort.

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6 Kommentare leave one →
  1. Oktober 12, 2011 12:13 pm

    Ich stelle mir gerade vor, wie ich die Bäckerei betrete und mir die Dame erzählt „Ach, übrigens, es gibt gerade wieder ihre(n) Lieblings-Torte/Brot/Brötchen/Kuchen“ und die aufkeimende Freude sofort mit einem „ist aber schon lange alle“ zerstört. Gnaaaaa….
    Ich hab zwar keine Ahnung was Reformationsbrötchen sind, aber wenn die wirklich so lecker schmecken fände ich einen Tag im Jahr wohl auch etwas wenig.
    Überfluss nervt allerdings wirklich manchmal, Dominosteine und Lebkuchen im September finde ich höchst albern und auf spanische Erdbeeren im März kann ich auch verzichten (wobei ich zugeben muss, die marokkanischen im Januar waren echt aromatisch). Bei Erdbeeren tendiert meine Widerstandsfähigkeit halt gegen Null, kann ich nix dafür *g*.

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    • Oktober 12, 2011 4:47 pm

      Ja, besonders feinfühlig ist sie nicht, die Bäckersfrau. Das stimmt. Und bei Erdbeeren bin ich auch relativ widerstandslos.
      Reformationsbrötchen sind schlichtes Backwerk aus süßem Hefeteig mit viel Rosinen drin und einem Zuckerguss obenauf, in der Mitte des Zuckergusses ein Kleks Marmelade, der ein Herz symbolisieren soll. Ach ja, und das Backwerk selbst soll eine Lutherrose darstellen. Es ist begrenzt auf den Leipziger Raum und wird am Reformationstag gegessen, so wie man am Martinstag Martinshörnchen ißt.

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  2. Oktober 12, 2011 8:13 pm

    Ich kauf solche Dinge nicht vorher, nicht vor ihrer Saison. Auch echte Weihnachtsleckereien kaufe ich nicht vorm Totensonntag (letzter Sonntag vorm 1. Advent).

    Obwohl: Manchmal muß mir ein Räucherkerzchen die Stimmung aufbessern oder beim Schreiben von Weihnachtsgeschichten die richtige Stimmung hervorrufen.

    Aber Spekulatius, Lebkuchen, Stollen und Dominosteine – erst nach dem Totensonntag …

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    • Oktober 12, 2011 9:05 pm

      Ja, bei Weihnachtsgebäck bin ich auch standhaft und kaufe das Zeugs erst nach dem Totensonntag. Aber bei Obst und Gemüse schaffe ich es nicht, mich an die Saison zu halten

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  3. Oktober 12, 2011 9:32 pm

    Ich finde jederzeit auf Dinge zurückgreifen zu können überflüssig. Konsumieren und genießen wenn Saison ist und sich wieder darauf zu freuen, wenn es dann mal wieder so weit ist, ist doch viel schöner.

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