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Geburtstagsständchen

Oktober 7, 2011

Als das große Kind genau 22 Jahre jünger war als heute, feierte das Land, in dem ich geboren bin und das es nicht mehr gibt, seinen 40. Geburtstag. Ich schreibe Land, obwohl mir klar ist, dass ich vielleicht lieber Staat schreiben müsste.

Nachdem ich so um den 28. Geburtstag dieses nicht mehr existenten Landes herum angefangen hatte, mich irgendwie einzurichten, mir meine Nische zu suchen und soviel innere Freiheit auszukosten, wie es eben in einem Staat, egal welchen Systems, aber einem diktatorischen sicher schwieriger möglich ist. Nachdem ich deswegen ab und an Ärger mit der den Staat zu beschützenden Macht bekommen hatte, und nachdem immer mehr Freunde das Land verlassen hatten in das andere Land, dass da hinter der Mauer lag, in dem die selbe Sprache gesprochen wurde, ja wo sogar Verwandte meinerseits lebten, das mir aber trotzdem fremder war als z. B. die damals noch existierendeTschechoslowakei. Nachdem das große Kind geboren war und im fernen Bruderland ein Meiler explodierte und es in den Läden plötzlich Lebensmittel gab, die ich kaum noch vom Sehen kannte, die die angeblich wirklichen Brüder und Schwestern im Land hinter der Mauer aber keine Scheu hatten, an uns zu verhökern, wollte sie dort, hinter der Mauer, doch niemand essen, weil sie möglicherweise verstrahlt seien. Nachdem ich nach diesen Erfahrungen und aus Sorge um das große Kind also anfing, meinen Hals nicht mehr bei spaßigen, provozierenden Aktionen zu riskieren (das ist natürlich metaphorisch gemeint. In Wirklichkeit riskierte ich nie meinen Hals, sondern höchstens meine Freiheit, das Abitur oder die Immatrikulation zu meinem Wunschstudium) und ich mich für Ökologie und Umweltschutz zu interessieren und zu vernetzen begonnen hatte, dachte ich so um den 39. Landesgeburtstags herum, also als das große Kind 23 Jahre jünger war als genau jetzt, dass es jetzt reicht. Umweltschutz nützt gar nix, wenn man nicht sagen darf, dass es hie und da und besonders in der Tieflandbucht stinkt. Da in diesem Land, alle, die das Leben kritisch hinterfragten, irgendwie miteinander vernetzt waren auf eine eigenartige, nicht festzumachende Weise, ging die Entscheidung, dass ich jetzt da mitmache, wo es um Menschenrechte geht, fas unbemerkt an mir vorbei. Statt Wasserproben zu nehmen und diverse Umwelttechnische Schriften zu lesen und weiterzugeben, waren es eben jetzt welche, in denen es um Meinungsfreiheit ging und Bürgerrechte. Während das große Kind schlief, tippte ich sie auf einer alten Schreibmaschine in drei/vier Durchschlägen ab, verteilte sie und war ganz furchtbar konspirativ.

Beim Montagsgebet war ich übrigens nur ein mal. Nur um das mal klar zu stellen. Wiewohl wir sehr genau beobachteten, was dort ablief. So wie wir alles beobachteten, was irgendwo im Land ablief. Auch wer grad wo festgenommen worden war. Ich glaube, das war auch der Grund für meinen einmaligen Besuch des Montagsgebets: die Informationsmöglichkeit, die der Gottesdienst bot.

Als wir in dem Sommer, als das große Kind 22 Jahre und 1-2 Monate jünger war als jetzt,  aus einem Urlaub in Rumänien und Ungarn zurück kamen, begannen die Ereignisse sich zu überschlagen. In Ungarn waren die Grenzen geöffnet worden, während wir im Zug ins Land zurück fuhren und ich hatte kaum Zeit, zu verinnerlichen, was in den letzten drei Wochen  zu Hause passiert war.

Es fällt mir heute manchmal schwer, die Dinge, die sich überschlugen, chronologisch zu ordnen. (Als ich vor einem Jahr für einen Film interviewt wurde, ist mir das besonders stark aufgefallen. Jetzt, durch die vielen Gedankensortierereien, die ich für das Interview vornehmen musste, kommt es mir manchmal zwar immer noch so vor, als hätten sich die kommenden Ereignisse nicht binnen Wochen sondern in mehreren Jahren abgespielt, aber wenigstens wirbelt nicht mehr ein all zu großes Durcheinander durch meinen Kopf))

Freunde verschwanden über Nacht Richtung Prag oder Ungarn. Grenzen wurden geschlossen und Züge passierten das Land. Die Montagsgebete hatten sich zu einer ernst zunehmenden Angelegenheit gemausert und für den Geburtstag fürchteten wir, sollte es auch nur den geringsten Anlass dazu geben, eine Verhaftungswelle. Also beschlossen wir, keinen Anlass zu bieten. Nirgends würde ein Flugblatt liegen oder etwas, das auch nur so aussah. Nirgends würde eine „Zusammenrottung“ stattfinden, obwohl wegen des Geburtstages damit zu rechnen war, dass einige akkreditierte Journalisten in der Messestadt sein würden. Normalerweise nutzte man solche Gelegenheiten früher gern für Aktionen, die zwar von kurzer Dauer, dafür aber die Chance hätten, in die Tagesschau zu kommen. Denn so, nur so, bestand ein paar Jahre vor dem 40. Geburtstag die Chance, dass die Landsleute davon erfuhren, die im Land, nicht die auf der anderen Seite der Mauer. Doch die Dinge hatten sich geändert in den letzten Monaten. Es ging nicht mehr darum, mit kleinen Aktionen einen moralischen Sieg zu erringen und die Landsleute zum Denken zu animieren. Zum ersten Mal gab es eine Plattform, eine gemeinsame Sprache, die sich in einem Aufruf verdichtet hatte. Und es bestand die vage Hoffnung, der Glaube, etwas zum Positiven ändern zu können. Im Land. Abschaffen wollte es keiner.

Also keine Provokation an diesem 40. Geburtstag. Und da wir nicht sicher sein konnten, wie sehr wir beobachtet werden, war es wohl am besten, zu Hause zu bleiben.

Das große Kind und ich wohnten auch damals schon im Zentrum der Messestadt, wo es vor 22 Jahren ein buntes Volksfest zu Ehren des Jubiläums gab. Mit Karussells und Riesenrädern, Zuckerwatte und Süßen Waffeln. Es war ein Samstag, ich weiß es, als wäre es erst gestern gewesen, und das große Kind verstand nicht, wieso es nicht am Spaß teilhaben durfte.

Als es bis gegen 5 Uhr am Nachmittag ruhig geblieben war, gab ich nach. Ich nahm das Kind und machte mich auf den Weg zu den Karussells. Danach liefen wir zur Grimmaischen Straße, wo es den damals einzigen Burgerstand der Stadt gab und Burger waren damals noch etwas besonderes, etwas, dass man an einem Festtag wie diesem gerne aß.

Um die Nikolaikirche bildeten Sicherheitskräfte einen Ring. Um diese herum bildeten junge Menschen einen noch größeren Ring und sangen Geburtstagslieder.

Ich traf einen Freund und wir stellten gemeinsam fest, dass das genau die Provokation ist, die wir hatten vermeiden wollen.

Dann rollten die Wasserwerfer um die Ecke. Ich schnappte das Kind und versuchte zu fliehen. So wie die anderen (unbeteiligten) Zuschauer. Ich erinnere mich an einen Regenschirm, der irgendwo auf dem Platz lag und an einen alten Mann mit Stock, den wir überholten. An die Verwirrung und das Entsetzen. Die Panik, das Gefühl, eingekreist zu sein und nicht zu wissen wohin. Irgendwie gelangten wir zum Brunnen vor dem Gewandhaus, den wir erklommen und auf dem ich uns in Sicherheit wähnte, denn nicht das Wasser machte mir Angst, sondern die Wagen selber und der  Gedanke, einfach überrollt zu werden. Die jungen singenden Menschen wurden Richtung Johannisplatz gejagt. Uns in Sicherheit wiegend verließen wir den Brunnen und gingen, wie viele hundert andere auch, zum Bahnhof, der auf unserem Heimweg lag. Die anderen aber gingen dahin, weil dort Straßenbahnen in alle Richtungen abfuhren.

Als wir den Bahnhofsvorplatz erreichten, wurden wir eingekesselt. Es schien nur einen Weg zu geben, den Richtung Feuerwache. Als wir inmitten Hunderter dahin liefen, sah ich unser Haus. Indes wir konnten nicht dahin, wir waren eingekesselt. Vor der Feuerwache empfingen uns mehrere Reihen Sicherheitskräfte. Und trieben uns zurück. Ich hatte gerade versucht, über eine Absperrung zu entkommen, als sie die Jagd eröffneten. Ich zog das große Kind von der Absperrung herunter und rannte wieder Richtung Bahnhof. Als ein Mann mit Kinderwagen uns sah, rief er uns zu:

Hier lang!

Nein!

Da ist alles voll Polizei!

Aber hier!

Hier!

Wir schoben Kinderwagen und großes Kind durch ein Gebüsch, krochen hinterher. An uns vorbei jagten die Behelmten, Schlagstockbewaffneten  „das Volk“.

Gehen Sie hier runter, so dass  Sie von der anderen Seite in Ihre Straße kommen, rief der Mann mir zu und schob seinen Kinderwagen Richtung Nordplatz.

Ich tat wie geheißen. Die Straße, in der wir damals wohnten, mündet in den Ring, wo die Polizei die Menge zwischen Bahnhof und Feuerwache hin und her trieb und über den zwei Tage später zum ersten Mal 70.000 Menschen „Keine Gewalt“ skandierend laufen würden. Das Ende meiner Straße aber war besetzt von Sicherheitskräften. Abgeriegelt. Denen auf dem Ring sollte sich kein Schlupfloch bieten.

Als ich vor unsere Haustür gelangte und nach dem Schlüssel fingerte, kam eine Nachbarin und meinte, ich solle lieber nicht nach draußen gehen. Hier herrsche Krieg.

Das große Kind hielt immer noch seinen Luftballon in der Hand.

Am nächsten Abend berichtete die Aktuelle Kamera von den Rowdies in der Messestadt und davon, dass eine verantwortungslose Mutter mit Kleinkind an den Krawallen teilgenommen hätte. Ich weiß nicht, ob da noch mehr Mütter waren.

Das große Kind aber, das  damals 4 war, versteckte sich fortan immer hinter meinem Rücken, wenn uns ein Mensch begegnete, dessen Kleidung auch nur ansatzweise an eine Uniform erinnerte.

Geburtstagsfeier

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6 Kommentare leave one →
  1. Oktober 7, 2011 4:49 pm

    Ich war nicht in Leipig, sondern in der tiefsten Provinz (Frohnau, Annaberg-Buchholz). Aber in dieser Zeit spürte ich auch dort, daß die Masse etwas ändern könnte, wenn sie denn nur als Eines handele …

    Heute sind wir zersplitterter als jemals zuvor …

    Danke für die Erinnerung an eine wirklich große Zeit.

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    • Oktober 7, 2011 5:45 pm

      Ich glaube, das ganze Land war damals wie elektrisiert. In den Städten und besonders in L.E, hatten wir damals nur Angst vor einer Wiederholung der Ereignisse, wie es sie einige Zeit vorher auf dem Platz des Himmlichen Friedens gegeben hatte.

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  2. Oktober 9, 2012 4:18 pm

    beim lesen bekomme ich eine gänsehaut. wo war ich damals? wahrscheinlich auf dem sofa, fernsehend…

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  3. Stephie permalink
    Oktober 10, 2012 9:22 pm

    Gänsehaut, ein kalter Schauer.

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