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Inselhopping Act 5: Die Insel der großen Frauen

September 30, 2011

Ich sitze auf der Bank vor meiner Jurte und schaue der Sonne zu, wie sie hinter der Nachbarinsel Rum untergeht. Dieses Licht ist unfassbar schön. Wäre ich Maler, würde ich mich auf Eigg niederlassen und immer wieder versuchen, es zu malen. Wahrscheinlich würde ich darüber wahnsinnig werden, weil es mir nie gelänge. Es gibt Schönheiten auf dieser Welt, die entziehen sich jedem Versuch, sie einzufangen, zu beschreiben oder darstellen.

Um von der Isle of Raasay hierher zu gelangen, musste ich mit Fähre, Bus und nochmal Fähre erst mal aufs Festland. Dort war natürlich schlechtes Wetter. Und die Backpacker Lodge schwer zu finden. Die liegt genau über dem tea house und man muss tatsächlich beim Kellner einchecken und rennt dann jedesmal durchs Restaurant, wenn man in sein Bett will. Das zu begreifen, hab ich schon ne Weile gebraucht.

Der kleine Küstenort besteht aus etwa einem Dutzend hübsch restaurierten alten Häusern, in denen samt und sonders Restaurants und Läden untergebracht sind, und ca 200 Neubeueinfamilienhäusern. Zum Glück treffe ich in der Lodge ein paar „Leidensgenossen,“  so dass ich, nachdem ich eine Stunde sinnvoll mit Einkäufen, Zugreservierungen und dem Fotografieren des Hogward Expresses verbracht habe, nicht in tödlicher Langeweile versauere. Es gibt hier nämlich wirklich nichts zu sehen und nichts zu tun!

Doch heute, auf dem Weg nach Eigg, wurde das Wetter immer besser, je mehr wir uns der Insel näherten.

Gestern, beim Frühstück im Raasay Hotel hatte mich ein älterer Englischer Herr noch vor den Eiggern gewarnt. Sie seien – excentrisch. Glaub ich gern. Schließlich haben ihre Bewohner sich die Insel vor knapp 15 Jahren gekauft. Heute sind sie vom Energienetz des Landes abgeschnitten und erzeugen ihren Strom selber. Jedem Haushalt stehen 5kw zur Verfügung. Urlauber sind angehalten, ihren Müll wieder mit nach Hause zu nehmen. Und in 10 Jahren wollen die Insulaner sich weitestgehend selbst versorgen, dabei so wenig Müll wie möglich erzeugen und ihre Kinder sollen diese Ideen und diese Lebenseinstellung hinaus in die Welt tragen. Das erfährt man, wenn man mit der Fähre ankommt und sich im Craft Shop einen kleinen Guide kauft. Da gibt es all diese Informationen gratis dazu.

Ich glaube, sie gehören auch nicht zum öffentlichen Straßenverkehrsnetz Schottlands. Die Autos vorm tearoom sehen jedenfalls so aus, als würden sie, würden sie die Insel verlassen, von der Verkehrssicherheit sofort still gelegt werden.

Es gibt auch einen Lebensmittelladen. Trotzdem nutzen die Ortsansässigen Ausflüge jedweder Art zum Festland ausgiebig, um sich mit Konsumgütern zu versorgen. So stand mein Rucksack auf der Fähre zwischen Bergen von Brot, Toilettenpapier  und einer Schleifmaschine.

Es gibt einen Minibus, der abhängig von der Fähre einmal quer über die Insel fährt.

Weil aber gerade ein wichtiges Fußballspiel im tearoom geguckt werden muss, richten sich die Abfahrtszeiten heute danach. Dann bekommt der Flachbildschirm den Platz auf der Beifahrerseite und ich sitze wieder zwischen Brot und anderen Lebensmitteln. Die Verkäuferin aus dem Craftshop fährt auch mit, aber ich merke schnell, dass die Einheimischen hier nicht so gern so viel reden wie ihre Landsleute.

Bevor der Fahrer mich an Sue Holland’s campsite rausläßt, halten wir noch ein paar Mal, um die Lebensmittel zu verteilen oder Neuigkeiten mit einem Nachbarn auszutauschen.

Eigg ist relativ dicht besiedelt (80 Einwohner) und die Uhren ticken hier ganz offensichtlich anders.

Der Campingplatz entpuppt sich als zu einem Croft gehörige Wiese in Hanglage, ungemäht, mit Schweinen, Hühnern, Enten, einer Jurte und drei altertümlichen Wohnwagen. Ich hab keine Ahnung, wo ich hier ein Zelt hinstellen soll.

Die Crofter sind nicht da, ihr Anwesen wird währenddessen von einer Freiwilligen aus New York City (!) bewirtschaftet. Mit ihr werde ich schnell einig, dass ich die Jurte beziehe.

Und da sitze ich nun.

Ich war schon unten am Strand, dem singing sand, aber gesungen hat da nix.

In der Nacht grusele ich mich ein bißchen. Zwar bin ich in der größten Siedlung der Insel, in Cleadale, aber die Crofts um mich herum liegen da wie ausgestorben.

Am Sonntag will ich den An Sgurr besteigen, diesen das Bild der Insel prägenden Pechsteinriesen.

Dazu muss ich erst mal auf der einzigen Straße der Insel,  4,5 Meilen Richtung Süden, zurück zum Pier laufen. Cleadale liegt im Norden, fast am Ende der Straße und fast auf Meereshöhe. Zwischen mir und dem Pier liegt auf  einem fast 400 m hohen Plateau ein Hochmoor.

Dann ist es, trotz Guide, schwierig, den richtigen Wanderweg zu finden. Ich renne hin und her und bin ein bißchen am Verzweifeln. Der Weg ist extrem morastisch und ich versinke auch einmal samt Bergstiefel und Socken bis fast zu den Knien.

Das Wetter dagegen  ist hervorragend. Und als ich endlich, von Glückshormonen durchflutet, auf dem Gipfel stehe, genieße ich wunderbare Aussichten hinüber nach Muck und Rum, in die Highlands und auf den Südteil der Insel. Lochs lächeln mir vom Plateau her zu. Die Welt ist so wunderbar schön. Und ich war wieder ganz allein unterwegs.

Erst beim Abstieg treffe ich vereinzelte Wanderer. Und ein junges Paar. Er trägt den Rucksack und sie, fast stadtfein gekleidet, plappert fröhlich und ohne Pause auf ihn ein. Fast möchte ich umdrehen und schauen, ob es ihr weiter oben, wo es steinig wird und man ein bißchen klettern muss, nicht vielleicht doch die Sprache verschlägt.

Doch es zieht mich noch weiter in den Süden, nach Upper Grulin, ein während der clearances verlassenes Dorf. Ein unheimlicher Ort. Ich fühle mich in den Ruinen nicht wohl, so als würde ich ungebeten jemandes Gute Stube betreten.

Nachdem ich am Sonntag 9 Stunden gewandert bin, will ich es am Montag ruhig angehen. Doch aus meinem Spaziergang zum Singing Sand wurde eine sehr lange  und mühselige Suche auf Schafpfaden oberhalb der Klippen zum Seal Island. Natürlich hocken dort nur Vögel rum.

Da das Wasser sinkt, beschließe ich, den Rückweg direkt über die Boulder an der Küste anzutreten. Nur dazu muss ich erstmal da runter. Ich suche lange eine klettertechnisch geeignete und einigermaßen trockene Stelle. Dann denke ich  noch, wie blöd ich bin. Wenn ich mir hier was tue, kann ich nicht mal Hilfe holen, weil hier gibs ja kein Netz und getroffen ich habe auch hier keine Menschenseele. Da macht es auch schon plopp. Und ich bin unten. Ich lande auf den Füßen, aber ein Teil meiner das Knie umhüllenden Haut hängt in der Hose. Trotzdem bin ich über die Steine schneller zurück gehumpeltklettert als über die glitschig schlammigen Schaftrampelpfade hergelaufen.

Am Strand singt der Sand endlich! Yeah! Das macht Spaß. Immer und immer wieder entlocke ich ihm, meine Füße leicht schleifend, dieses einzigartige Geräusch. Und dann, übermütig, wie ich bin, entledige ich mich der Schuhe und Socken und wage mich bis zu den Waden in den Atlantik.

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One Comment leave one →
  1. September 30, 2011 8:24 pm

    Dein Bericht ist wunder, wunderschön. Offensichtlich auch der Flecken Erde, den du da besucht hast. Es macht Spaß und ist sehr beeindruckend, dir zu folgen. Von diesen Inseln habe ich noch nie gehört und es muss ein großes Abenteuer gewesen sein.
    Danke an dieser Stelle für die spannende Dokumentation!

    Gefällt mir

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