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Inselhopping Act 4: Calum’s Road

September 22, 2011

Calum Mc Leod ist eine Inspiration, ein Beispiel dafür, wie man, statt immer darauf zu warten, dass andere etwas tun, vornehmlich das ominöse Wesen Staat, die Dinge selbst in die Hand nimmt. Und sei es der Bau einer Straße.
Als fast alle Bewohner seiner Heimat, der Hebrideninsel Raasay, vertrieben waren bzw. das Eiland wegen fehlender Infrastruktur freiwillig verlassen hatten, wehrte sich dieser einzigartige Mensch gegen das Schicksal. Zwanzig Jahre lang arbeite Calum Mc Leod an seiner Straße, die ihm ein Maß an Kraft und Willen abforderte, wie es wohl nur verzweifelte oder sture Menschen aufzubringen vermögen. Seine Arbeitsgeräte waren ein Spaten, eine Hacke, eine Schubkarre und ein Stück Seil. Das Baumaterial, Steine unterschiedlicher Größe, fand er auf der Insel.
Seine Arbeit hat sich gelohnt, sein Traum, die Insel wieder für Bewohner zugänglich zu machen, ging in Erfüllung. Heute ist die Straße mit einer Teerdecke überzogen. Damit hat sie zwar ihren Status als Weltkulturerbe verloren, aber es lag wohl nie im Focus des Schotten, ein Museum zu bauen. So entspricht sie, komfortabler für Fahrzeuge, heute mehr denn je seinem Anliegen.
Als ich Roger Hutchinsons wunderbare 2006 veröffentlichte Geschichte über den, nebenbei mehrere Preise einheimsenden Autor gälischer Literatur, las, war klar, da muss ich hin!

Ich hätte von Edinburgh aus gern den Weg über Fort William und Mallaig genommen. Zwischen diesen beiden Orten verkehrt nämlich der Jacobite, ein historischer Zug mit Dampflok, der in den Harry Potter Verfilmungen als Hogwarts-Express über die Leinwand stampfte. Leider scheiterte ich an der totalen Inkompetenz eines Mitarbeiters der Scottish Rail und nahm stattdessen den Bus nach Portree, der Hauptstadt der Isle of Skye.
Busse haben den Vorteil, dass sie durch landschaftlich schönere Gegenden fahren und der Blick, in diesem Fall auf die Highlands, nicht durch Bahndämme verwehrt wird. Es gibt auch Toiletten, von deren Benutzung ich allerdings dringend abrate. Schließlich gibt es auch Rauchpausen, und die kann man sinnvollerweise lieber als Pinkelpause nutzen.
Gut.
Als ich das erste Mal nach Skye kam, schien die Sonne und ich verliebte mich augenblicklich in die Insel. An diesem letzten Augustabend aber regnet es. Das Eiland zeigt mir seine kalte, abweisende Schulter und in Portree suche ich lange den schlecht, nämlich gar nicht ausgeschilderten Zeltplatz weit außerhalb des Ortes, baue mein Zelt im Regen auf, stopfe den nassen Rucksack in die eine, die nassen Klamotten in die andere Mülltüte und mich selbst in den Schlafsack. Draußen wütet nun ein ordentlicher Sturm. Das ist besorgniserregend, da ich meine Behausung nur notdürftig verankert und auch ziemlich schief aufgebaut habe.
Der Regen lässt nicht nach. Da hilft nur, die Insel schnell zu verlassen. Aber das war ja eh mein Plan.
Von Sconser aus fahren mehrmals täglich Fähren nach Raasay.
Dort gibt es heutzutage sogar ein Hotel und ein Outdoorcenter. Das Hostel ist leider schon länger geschlossen und Inverrary, der Hauptort der Insel, gleich neben dem Hotel, besteht aus einer Straße. Einen Laden gibt es da nicht. All diese Bebauungen liegen übrigens im Süden der Insel, also da, wo auch die Fähre anlegt.
Was für ein gutes Gefühl, wenn man doch endlich in der finanziellen Lage ist, bei Bedarf die Kreditkarte zu ziehen und in ein Hotel einzuchecken. Als alleinerziehende Mutter war ich dazu viele Jahre nicht fähig, habe trotzdem mit beiden Mädels ganz Europa bereist, nur eben auf einem anderen Level. So genieße ich diese Möglichkeiten der Wahl heute wirklich und bedaure nur, dass die Mädels daran nicht mehr teilhaben können.
Nach Skye habe ich nämlich keine Lust, ganz allein auf einem Zeltplatz zu liegen, der als einzigen Luxus Kaltwasser und, immerhin, ein Klo zu bieten hat. Skye liegt in Sichtweite und wer weiß, wie sich das mit dem Wetter hier entwickelt.
Während mein Zelt im Bad meines Hotelzimmers trocknet, bewandere ich, bei bewölktem Himmel, die Südhälfte der Insel. Die ist recht hügelig, manchmal sogar steil. Es gibt eine Menge Ruinen zu sehen: Crofts und alte Minenanlagen. Sogar eine kleine Eisenbahn gab’s hier mal. Verrostete Schienen und ein vor sich hinsiechendes Viadukt künden von vergangenen, glorreicheren Zeiten.
Calum‘s Road aber liegt im Süden. Dahin lasse ich mich am Mittwoch, nach einem ausgedehnten Schottischen Frühstück + Toast mit Marmelade + Cornflakes (es ist unglaublich, welche Mengen der Brite zum Frühstück zu verzehren in der Lage ist), fahren.
Also nach Brochel Castle. Die Sonne scheint als wolle sie alles Ungemach der letzten Tage wieder gut machen und die Fahrt mit Ben über die einzige Straße in den Norden der Insel ist atemberaubend. Eigentlich sollte man hier Fahrrad fahren. Oder wandern. Weil die Schönheit der Landschaft einem nach jeder Kurve vor Verzückung erstarren lässt. Staunend glotzend möchte man den Moment anhalten.
“No words can be put on beauty, no picture, words or poem made for it”. schrieb der auf Raasay geborene Sorley MacLean einst sehr treffend.

Calum baute seine Straße zwischen Brochel Castle und Arnish. Die alte Burgruine steht auf einer kleinen Landzunge und in ihrem Schatten ein Croft, dass offensichtlich noch landwirtschaftlich genutzt wird.
Dann weißt ein kleines Schild auf den Beginn meines Ziels hin.
Übrigens haben wir auf der Fahrt hierher keine Menschenseele getroffen, und auch jetzt spaziere ich ganz allein die 2 Meilen bis Arnisch. Spazieren ist vielleicht etwas untertrieben, es geht rauf und runter. Dafür kann ich aber jetzt auch lange verharren und die Landschaft genießen.
In Arnisch gibt es zwei Gehöfte. Ein Schild warnt aber alle, sich diesen zu nähern. Das ist blöd, weil aus dem Buch weiß ich, dass die Straße nicht da endet, wo ein Schild das behauptet. Verständlich ist es freilich. Es ist sicher nervend, wenn ständig Herden von Touristen Dein Anwesen beglotzen. Nur… ich bin ja die Einzige. Ob manchmal zwei Menschen am Tag hier raus kommen? Oder sogar mehr? Später, auf dem Rückweg, schleiche ich mich dann doch ins verbotene Areal und wage einen Blick auf den verfallenden Wohnsitz der Familie Mc Leod.
Vorher laufe ich auf einem breiten, steinigen Waldweg nach Torran. Da wird ein Croft offensichtlich als Ferienhaus genutzt, dessen Mieter (2 Frauen, 2 Jungs und 2 Hunde) ich auf dem Rückweg auch tatsächlich antreffe. Daneben steht das alte School and Mission House.
Auf schmalem Pfad geht es entlang der Klippen weiter nach Creag an Coin, wo man bei Ebbe rüber nach Fladda Island laufen könnte. Ist aber keine Ebbe. Von den Crofts auf der Nachbarinsel sind drei restauriert. Ich denke mal, das sind auch Ferienhäuser.
Zurück am Brochel Castle sehe ich dann, auf Ben wartend, doch noch ein paar mehr Menschen. Vier Tagestouristen in zwei Autos. Das ist sozusagen die Rush Hour.
Nach einem kleinen Snack im Hotel mache ich mich noch mal auf die Socken, um den Südwesten, speziell das Home Loch und den Temptation Hill zu erkunden. Hier sind fast alle Wege wegen Holzfällerarbeiten gesperrt. Aber man muss ja nicht immer auf Wegen laufen, oder?

Übrigens heißt Raasay „Insel des Rotwildes.“ Ich hab aber nicht einen einzigen Vertreter dieser namensgebenden Art getroffen (wahrscheinlich sind alle nach Arran geschwommen).

Isle of Raasay
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