Skip to content

Tiden – Level steigen und fallen

September 16, 2011

Wenn man gefühlte drei Monate im Urlaub war, ist es schwer einen einigermaßen überschaubaren Reisebericht zu schreiben.

Wenn man dann nur gefühlte 5 Stunden zu Hause war, ehe es wieder in den Zug ging, um wieder, diesmal dienstlich zu verreisen, hatte man kaum Zeit, das Erlebte sich „setzen“ zu lassen, es zu verdauen und einzuordnen.

Viele glauben ja, so eine Dienstreise, also ein Kongress, sei so eine Art Urlaub, bei dem man vom Arbeitgeber auch noch die Hotel- und die Getränkerechnung bezahlt kriegt. Neidvoll schauen diese Menschen auf den Gesellschaftsabend, die Get together oder die Einladungen zu irgendwelchen Rundgängen durch Gläserne Manufakturen mit anschließendem Essen. Und die Vorträge, so von 8:00 Uhr bis 17:30 Uhr, pah, die sitzt man doch auf der linken Backe ab. Und wenn die auch noch in Englisch gehalten werden, na, da kann man doch noch besser abschalten und schlafen. Schließlich gibt es Coffee Breaks und die lunchtime und noch ein Coffee Break, da kann man sich dann nett mit den Vertretern der um einen buhlenden Firmen unterhalten und kriegt nebenbei noch die Taschen vollgestopft, ja schon auch mit Katalogen, Visitenkarten und hand outs, aber hauptsächlich doch mit netten Werbegeschenken, oder?

Diese Menschen denken, ich müsste sehr, sehr erholt antanzen nach dieser netten kleinen Urlaubsverlängerung, und wenn ich ziemlich fertig aussehe und ein bisschen müde, werfen sie mir ein „Na, ist wohl wieder lang geworden beim Kongress?“ zu.

Ja, ist es.

Zugegeben, ich hatte keine drei Monate, sondern nur drei Wochen Urlaub, dabei aber soviel erlebt, dass ich gut und gern 10-14 Tage gehabt hätte, um diese  scheinbar unüberschaubare Fülle an Erlebnissen und Eindrücken zu verinnerlichen.

Ich hatte auch nicht nur 5 Stunden, um meine Wohnungstür aufzuschließen, das Kind zu begrüßen, die Post zu lesen, auszupacken, Wäsche zu waschen, das Kind zur Kursfahrt zu verabschieden, zu packen und in den Zug zu steigen. Nein, dazu hatte ich ganze 29 Stunden.

Gerade hatte ich noch fasziniert zugesehen, wie Menschen ihr Leben  nach den Gezeiten richten und gelassen auf Wetterunbilden, die sie auf unbestimmte Zeit von der Außenwelt trennen, reagieren, da stak ich schon wieder mittendrin, im Takt einer Welt, die mir immerhin die (finanzielle) Möglichkeit gibt, solche Auszeiten zu erleben und zu erfahren.

Und dann, unausgeschlafen und noch ein bisschen aufgewühlt, mit dem Kopf noch halb auf einer Insel im Atlantik, sah ich mich schon vor der Registrierung verwickelt in eine wichtige und anstrengende Diskussion mit einem Fachkollegen.

Dann, nach Studium des Programms, und den Vorträgen des 1. Tages, blieb kaum Zeit, ein paar Happen runter zu schlingen (die waren aber nötig, hatte ich doch irgendwann im Zug das letzte feste Zeugs zu mir genommen), versuchte ich mittels öffentlicher Verkehrsmittel zur Einladungsveranstaltung eines Ausrüsters zu gelangen. Ich kam zu spät, was vielleicht nicht so schlecht war, da die Führung durch die Manufaktur für mich so etwas kürzer war, denn nach ca. einer Stunde hätte ich mich gern irgendwo hingesetzt und ausgeruht. Noch lieber hätte ich mich in mein Quartier begeben und geschlafen. Aber nach der Führung kam noch das Essen. Ganz hervorragend, keine Frage. Und mit mir am Tisch sehr interessante Kollegen und sehr interessante Diskussionen.

Nur, ich hätte gern geschlafen.

Konnte ich dann irgendwann auch.

Nach 6 Stunden klingelte der Wecker und ich versuchte mich mit Kaffee fit zu kriegen.

Vorträge, Diskussionen, dazwischen immer wieder mal durch die Industrieausstellung laufen und mich über diese und jene Neuerung informieren. Podiumsdiskussionen und eine Mitgliedsversammlung und ach ja, in der Kommission, die die Poster bewertet, bin ich auch. Dadurch verpasse ich leider die Mittagspause, kann aber einen der Kellner überreden, mir noch einen Rest Putengeschnetzeltes zusammen zu kratzen. Und dann geht es weiter mit den Vorträgen und den Absprachen.

Eigentlich hatte ich gehofft, vorm Gesellschaftsabend noch ein Stündchen Zeit zu haben. Doch ich muss mich sputen.

Und so geht es weiter.

Als ich dann zu Hause bin, freue ich mich irgendwie, dass das Kind nicht da ist. So kann ich, ohne groß auszupacken, umfallen und schlafen.

Ja, so ein Kongress, ist so eine Art Urlaub, bei dem man vom Arbeitgeber auch noch die Hotel- und die Getränkerechnung bezahlt kriegt. Es macht absolut keinen Sinn, jemanden, der noch nie bei so etwas war, das Gegenteil beweisen zu wollen.

Und mein Kopf ist jetzt auch noch vollgestopft mit neuen Infos, Anregungen und Terminen, die ich auch erst mal sortieren muss.

Da bleibt keine Zeit, über den Urlaub nachzudenken.

Aber, er ist hier drin, in meinem Kopf. Und zu gegebener Zeit werde ich ihn da rausholen und noch mal genießen. Zu gegebener Zeit, also einer, die nicht so hektisch ist wie diese gerade.

Gezeitenkräfte ändern sich ja regelmäßig.

Die, die den Meeresspiegel senken genau wie die, die den Stressfaktor in meinem Leben senken.

Advertisements
No comments yet

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: