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Erinnerungen – an einen Freund, einen Lehrer, ein Land

August 14, 2011

Wieder mal muss ein Rucksack gepackt werden. Zwar flieg ich erst am Samstag, aber ich mach mir schon seit einigen Tagen Gedanken über den Inhalt. Schließlich gilt es, sich auf das Notwendige zu beschränken und doch nichts Brauchbares zu vergessen. Da  ich den Rucksack drei Wochen lang mehr oder weniger mit mir rumschleppen werde, sollte er nicht zu schwer sein. Trotzdem brauch ich natürlich ein Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Klamotten, auch ein paar warme.

Rucksack packen habe ich von Korres gelernt.

Korres ist Ungar Rumänischer Staatsbürgerschaft. Das ist wichtig. Dass ich nicht Rumäne sage, denn das würde ihn beleidigen. Die Rumänen hatten damals, in den 80ern, einen so schlechten Ruf, dass jeder, der konnte, betonte, Deutscher oder Ungar zu sein. Trotzdem hatte Korres natürlich auch ein paar, wenige, Rumänische Freunde. Aber ich schweife ab.

Von Korres also hab ich Packen gelernt. Als ich das erste Mal in Rumänien war, um mit ihm und ein paar seiner Freunde den Fagaras zu durchqueren, inspizierte er vor der Abfahrt nach Brasov also meinen Rucksack. Das sah so aus, dass er ihn ausschüttete und dann wieder packte. Dabei blieb die Hälfte draußen liegen. Brauchte ich nicht, meinte er, oder verstand ich ihn. Denn die Kommunikation war etwas schlecht.

Wir hatten uns einen Sommer vorher „kennen gelernt“. In Budapest. Ich schlief bei Freunden auf der Budaer Seite, als er auftauchte, um dort ebenfalls zu übernachten. Damals gab es im Osten so ein Infonetzwerk, dass ich weiß nicht wie, aber hervorragend,  funktionierte. Jedenfalls sorgte es dafür, dass manchmal fremde Menschen an meiner Wohnungstür klingelten, mit der von einem Freund geschriebenen Bitte, die Fremden doch zu beherbergen, in der Hand. Ich hatte Connections nach Polen und Ungarn, schlief aber oft bei  Leuten in Prag, die ich nicht kannte. Jedenfalls, so lernte ich Korres kennen. Ich auf dem Weg in die Puszta, er auf dem Weg in die DDR.

Dann, ein halbes Jahr später, lud er mich über einen Ungarischen Freund nach Rumänien ein, in den Fagaras.

Ich war begeistert!

Natürlich gab’s da das Problem mit der Verständigung. Aber der Ungarische Kumpel würde ja mitkommen. Und der sprach Deutsch.

Er empfing mich auf dem Bahnhof in Budapest, wo wir eigentlich gemeinsam in den nach Rumänien steigen wollten. Aber A. ließ mich allein fahren. Hatte keinen Urlaub bekommen.

Machte aber nix, ein Deutsch-Rumäne würde mit von der Partie sein.

Erst mal musste ich aber allein nach Rumänien. Was ich noch nie getan hatte. Das Land ließ uns damals gruseln. Die ganze Bevölkerung schien zu betteln. Wir waren zwei, drei Mal durch getrampt, so schnell es nur ging, am besten mit einem Lift von Ungarn bis Bulgarien!

Nun also fuhr ich das erste Mal hin, um auch ein paar Tage da zu bleiben. Und das allein. Seitdem sehe ich solche Reisen viel gelassener. Ich achte auf mein Gepäck, ja, aber das tu ich in Deutschland auch.

In Mircurea Cuc empfing mich kein Deutsch-Rumäne, sondern Korres. Der Fast -Landsmann konnte nicht mit in die Berge  kommen, weil er wegen so eines bekloppten Ceaucesku-Besuches keinen Urlaub bekam. Dafür würde Willi mit kommen. Und der sprach Englisch. Ungefähr so gut wie ich.

Was dann auch immer gut in entspannten Situationen klappte.

Im Fagaras, noch mit Kraxe, bei entspannter Kraxelei

Bei Stress jedoch… Irgendwann z.B. stand ich dann mal ungesichert in einer Wand, natürlich mit dem Rucksack auf den Rücken. Wegen des Gepäcks und der Beschaffenheit der Wand kam dann der Punkt, da ich nicht mehr selber nach unten sehen und den nächsten Tritt suchen konnte. Willie  sagte mir, wo  ich den nächsten finden würde. Leider waren alle, die vor mir abgestiegen waren, größer als ich. So ist das nun mal beim Klettern. Und das ist ja eigentlich auch das Schöne daran, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss.

Es war ein seltsames Gefühl damals in dieser Wand. Und sehr intensiv. Einer jener Momente, die man nicht vergisst. Ich spürte genau, wie meine Kräfte nachließen, mich das Gewicht des Rucksacks immer mehr nach unten zog. Ich WUSSTE, dass ich gleich loslassen würde und bei dem Gedanken befiel mich eine seltsame Ruhe.

Ganz im Gegensatz zu meinen Kumpels. Die waren extrem angespannt. Leider sprachen sie vor Aufregung nur noch Ungarisch, eine Sprache, die ich nun wirklich nicht verstehe.

Ich lebe noch. Ich sitze hier und schreibe diese Erinnerungen auf. Es kam also Hilfe: zwei Deutsche Bergsteiger, die die Wand hinauf wollten. Sie beschrieben mir die Struktur unter mir und ich fand meinen Weg. Sie hielten mich auch ein bisschen für verrückt, weil ich allein unterwegs sei. Meine Antwort, ich gehöre ja zu dieser Ungar-Rumänischen Gruppe, hat sie nicht beruhigt.

Aber ich schweife schon wieder ab.

Bevor es in die Berge ging, stellte mich Korres seiner Familie vor. Beim Fleischer  schämte ich mich, weil ich als Ausländer direkt vor durfte, während die Rumänen mit ihren Lebensmittelmarken in einer langen Schlange anstanden,  dann aber musste ich direkt in die Brotfabrik und Zigaretten gegen Brot tauschen.

Es hat dann im Fagaras doch nicht gereicht. Wir mussten absteigen in irgend so eine Hütte, wo meine Rumänischen Freunde mich als einen der besten Alpinisten Deutschlands vorstellten, worauf der Wirt ein bisschen mit mir über eine Französische Bergsteigerin, deren Namen ich flugs auf dem Poster an der Wand entziffert hatte, plauderte und uns begeister Brot gab.

Dann packten wir unsere Rucksäcke für die ca. 1 wöchige Tour. Ich bin froh, dass Korres umgepackt hat. Wär weiß, ob ich in jener Wand ein paar Tage später sonst bis zur Rettung ausgehalten hätte.

Später habe ich alle Rucksäcke genau so gepackt, wie ich es von Korres gelernt hatte. Und Faltboote. Und Autos. Und jedes Mal, wenn ich so packe, denke ich zurück, an Korres, Czabbi, Sini, Willie. An unsere wunderbaren Touren in den Fagaras, Klettereien im Königstein, Wanderungen im Harghita, die Besteigung des Piatr Singuratuij oder die Durchquerung der Virghis Klamm. An eines der schönsten Länder Europas, in das ich unbedingt noch einmal muss- in die Maramuresh z.B. oder ins Donaudelta.

Aber nicht in diesem Sommer.

Auf der Suche nach Bären am St. Ana-See, mit auf Mass geschneidertem Rucksack

Ps.: Der Rucksack, den mir Korres und Sini nach jenem Sommer auf Maß genäht haben, tut nach 25 Jahren  seinen Dienst immer noch als Kletterrucksack.

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