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Zwischen Leidenschaft und künstlicher Lust

Juli 21, 2011

„45 Franzosen sind dabei, bei ihrer Rundfahrt, und haben noch nicht einen Etappensieg. Ganze zwei Norweger fahren die TdF und haben schon vier Etappensiege“ frohlockt der Sportreporter hämisch.

Ob dieser Arroganz bin ich sprachlos. Immerhin haben die Franzosen ihre Tour noch, obwohl die schon lange kein Einheimischer mehr gewonnen hat und auch französische Etappensiege in den letzten Jahren eher rar waren. Das Ding hat eben Tradition. Die kriegt man nicht so einfach tot, auch wenn’s mal schlecht läuft aus Sicht unserer Nachbarn.

Nicht zu vergleichen mit dem künstlichen Gebilde, dass sich Deutschlandtour nannte oder nennt.

Seit 1911 hatte es immer wieder sporadische Austragungen mit großen zeitlichen Abständen der Fahrt gegeben. Kontinuierliche Auflagen scheiterten sowohl am Interesse der Sponsoren als teilweise auch am Interesse der Deutschen als Publikum.

1999 weckte der Hype um Jan Ullrich und Team Telekom das finanzielle Interesse potentieller Sponsoren. Die Euphorie der Deutschen war groß genug, um eine erneute Auflage der Tour zu wagen. Was ihr allerdings von Anfang an fehlte, war das Charisma, das Herzblut. Mir war klar, dass die Rundfahrt vom Veranstaltungskalender verschwinden würde, sobald die Deutschen Erfolge ausbleiben würden.

Und so war es dann auch. 2008 fand die letzte Deutschlandtour statt. Sie hatte es einfach nicht in die Herzen der Deutschen geschafft. Denn so eine Rundfahrt lebt nicht allein von den Radsportfans, sondern auch von der Anteilnahme der Bevölkerung insgesamt.

So diente dieses Gebilde letztendlich nur dazu, andere, traditionsreiche Rundfahrten mit zu Grabe zu tragen. Denn die Sponsoren, die sich von einer Investition in das gehypte und sofort hoch angebundene Event finanzielle Erfolge versprachen, fielen bei anderen Rundfahrten als Geldgeber aus.

Statt einer anderen Tour, wie zum Beispiel der Friedensfahrt, zu neuem Glanz zu verhelfen. Die hatte im Osten Deutschlands so einen guten Ruf, dass auch in den 90ern, als sie längst an ihrer früheren Wertigkeit verloren hatte, zig Tausende Menschen den Straßenrand säumten. Hier war sie so im Bewusstsein der Menschen verankert, dass, als ich mal eine Trainingstour ehemaliger Radfahrer im Begleitauto betreute, mir die anderen Autofahrer an jeder Kreuzung Vorfahrt gewährten (ich war ja leicht zu erkennen, mit all den Ersatzrädern auf dem Dach) und Leute uns aus den Vorgärten zuwinkten.

Das werfe ich den Verantwortlichen vor. Ihre Mitschuld am Sterben dieses Rennens. Aber an dem bestand wohl kein Interesse. Wenn eine Rundfahrt schon das Wort „Frieden“ im Namen trägt. Das ist suspekt. Und dann überhaupt. Die hatten schließlich die Kommunisten erfunden. Und sie führte auch bis 1989 nur durch kommunistische Länder. So etwas darf nicht gefördert werden. Das ist Osten. Das ist schlecht.

1948 zum ersten Mal ausgetragen, war sie das bedeutendste Amateurrennen der Welt. Sie führte durch Polen, die damalige CSSR und ab 1952 auch durch die damalige DDR. Nach dem Verständnis der damaligen Zeit sollte sie Brücken überwinden und zur Aussöhnung der Völker untereinander beitragen. Eigentlich keine schlechte Idee, wenn sie nicht von den „Kommunisten“ gekommen wäre. Ich setze Kommunisten in Anführungsstriche, weil ich ziemlich sicher bin, dass die Sehnsucht nach solch einer Rundfahrt von den Radrennfahreren und –liebhabern selbst ausging. Bis1989 regelmäßig ausgetragen, war sie ähnlich populär wie die Tour de France in Westeuropa und versetzte auch hier Land und Leute in einen Ausnahmezustand, ähnlich wie es ihr großer Bruder heute noch in Frankreich tut. (2002 habe ich anlässlich der FF in meiner HP darüber geschrieben. Liest Du hier: the inch connection)

Mitte der 90er Jahre schien die nach 1989 einsetzende Krise der 3-Länder-Rundfahrt überwunden zu sein. Die Friedensfahrt wurde ein Profirennen mittlerer Kategorie und hatte einen festen Platz im UCI-Veranstaltungskalender. Sie führte nun auch vermehrt durch Wetsdeutschland und stattete sogar Österreich und Belgien einen Besuch ab. Doch 2007 war Schluss. Skoda, der Hauptsponsor fiel aus, in Deutschland verzeichnete das Interesse am Radsport einen stetigen Rückgang. Ohne Deutsche Mitfanzierung aber waren Polen, Tschechien und die Slowakei aber nicht in der Lage, das Rennen weiter auszutragen.

Ähnlich wie der FF ging es auch kleineren Landesrundfahrten, wie z.B. der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt, die, erstmals 1966 ausgetragen, auch 2007 zum letzten Mal stattfand.

Übrigens hat heute, bei der Fahrt zum Galibier und der höchsten Bergankunft in der über 100jährigen Geschichte der Tour de France der Franzose Thomas Voeckler das gelbe Trikot verteidigt. Etwas, das niemand für möglich gehalten hatte. Zumindest die Deutschen Reporter nicht, die den Elsässer in den letzten Tagen konsequent bei der Aufzählung der Favoriten ausgelassen haben. Aber selbst, wenn er es verloren hätte, seine Französischen Landsleute würden ihn lieben. Denn er kämpft mit dem Herz eines Löwen. Und so etwas wissen unsere Nachbarn sehr wohl zu schätzen. Die verehren auch Zweitplatzierte, wenn sie nur die Leidenschaft im Rennfahrer erkennen. Ich werde ihm morgen, bei der letzten Alpenetappe auch die Daumen drücken und hoffe, das er in Paris wenigstens auf dem Podest steht!

Thomas Voeckler erreicht das Ziel auf dem Galibier

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