Skip to content

Dor därre Hund oder Auch Wörter können Heimat sein

Juli 9, 2011

Deutschland hat die meisten Mundarten bzw. Dialekte, habe ich gestern im TV gelernt.

Als ich letztens über eine evtl. neu einzurichtende Kategorie in meinem Blog und deren Namensgebung nachdachte, kam ich auf das schöne Wort „Därre“.

Das ist Sächsisch und wurde in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, benutzt (Woanders habe ich es nie gehört, was nicht weiter verwundert, gibt es in Sachsen doch, so der Sprachwissenschaftler Gunter Bergmann, 21 verschiedene „Mundartlandschaften“).

In Erinnerung wurde es mir vor einigen Jahren gebracht, als es einen aus einem Nachbardorf stammenden  jungen Mann an die Uni verschlug und er mir von seinem Därr’n erzählte.  Sofort regten sich in mir wohlige Heimatgefühle,  der Geruch von Sonne stieg mir in die Nase, in meinem Kopf entstanden Bilder von in Staub gehüllten Ährenfeldern, nackten Kinderfüßen auf Feldwegen, überdimensional großen und unter der Last reifer Früchte ächzenden Kirschbäumen, der fröhlichen Emsigkeit der Heumahd, dem geschwätzigen Treiben der Daunen zupfenden alten Bäuerinnen in unserer Wohnstube, den Küken, die im Winter in eben jener neben dem Kachelofen piepsten, der Unantastbarkeit der Guten Stube an gewöhnlichen Tagen, der Zugehfrau, die der Hausherrin bei der Vorbereitung und bei der Bewirtung half, wenn sich zu besonderen Anlässen die Familie, die das halbe Dorf umfasste, in der Guten Stube im besten Sonntagsstaat zum Kaffetrinken versammelte, der wohligen Wärme des Stalles, den ungeheizten Schlafzimmern darüber und den Geräuschen der Stallbewohner, die durch die Decke zu uns drangen, dem verbotenen Spiel auf der Tenne und in der Dreschmaschine.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es eigentlich mein Lieblingswort aus jenen Zeiten, wohl, weil es so allgegenwärtig war und variabel einsetzbar, ganz sicher aber, weil ich es woanders nie gehört habe.

Därre hat unterschiedliche Bedeutungen, die aber, denkt man genauer drüber nach,so unterschiedlich gar nicht sind.

Zunächst mal ist es ein Adjektiv, oder, wie ich   noch in der Schule gelernt habe, ein Eigenschaftswort.

Därre bedeutet dünn, klein, mager, hager oder, Sie vermuten es vielleicht schon, dürr.

Dann ist es aber auch ein Substantiv. Als solches bezeichnet es alles Menschliche, das jünger, kleiner, dünner, dürrer, hagerer oder magerer ist als das Objekt, zu dem es in Bezug gesetzt wurde.

Ein Därrer könnte also Ihr jüngerer Brüder sein, der aber nicht kleiner sein muss als Sie, oder ihr Sohn oder Ihr Enkel. Haben Sie mehrere jüngere Brüder oder mehrere Söhne oder mehrere Enkel, wird sich der Därre meistens auf den jüngsten dieser Jungenschar beziehen, es könnte aber auch der kleinste oder der dünnste gemeint sein. Eine Därre ist analog dazu Ihre jüngere Schwester, die aber nicht kleiner sein muss als Sie, Ihre Tochter oder Ihre Enkelin. Bei mehreren… siehe Därrer

Es könnte aber auch ganz unspezifisch wahlweise das jüngste oder kleinste Mitglied eines ganzen Clans oder einer ganzen Schulklasse gemeint sein. Bei den Därrn (Mehrzahl) könnte es sich um eine ganze Grundschule handeln, die Schüler der 1. Klasse, eine Kiga- Gemeinschaft , überhaupt Kinder allgemein, je nachdem, in welchem Kontext das Wort gerade steht. Natürlich, aber in dieser Weise findet es als Substantiv eher selten Verwendung, könnte auch das dünnste Mitglied jedweder  menschlichen Gemeinschaft gemeint sein. Nein, bei Dünnen, Hageren usw. bedient man sich lieber des Adjektivs, das sich dann aber nicht mehr nur aufs Menschliche bezieht.

Sollte es Sie, liebe Leser und Leserinnen dieses Blogs also einmal in meine dörfliche Heimat, einer Gegend, wo übrigens schon ein Bewohner aus dem Nachbardorf misstrauisch als Fremder betrachtet wird, verschlagen und es Ihnen gelingen, einen Einheimischen in ein Gespräch zu verwickeln, dann achten Sie, sollte z.B. der Begriff „Dor Därre Hund“ fallen, unauffällig darauf, wohin der Einheimische deutet, blickt oder zuckt.  Denn dor därre Hund könnte, im einfachsten Fall, natürlich ein dünner oder ein kleiner Hund sein. Es könnte aber auch ein dem Sprecher unsympathischer Mensch männlichen Geschlechts sein. Schauen Sie sich nach dünnen oder kleinen, hageren Menschen männlichen Geschlechts um. Wenn der därre Hund natürlich ein unsympathischer Mensch männlichen Geschlechts ist, der gar nicht klein oder dünn oder hager ist, sondern zufällig der jüngere oder jüngste von irgendwas, haben Sie schlechte Karten.

Aber mal ehrlich, wenn Sie WIRKLICH mal in diese Gegend kommen, verstehen Sie eh kein Wort. Da fällt das mit dem därr‘n Hund dann weesgnebbchn ooch nich mor off.

Advertisements
4 Kommentare leave one →
  1. Juli 9, 2011 7:02 pm

    Innu oder itze gelaab ichs fei net! De werscht wuhl net ebbor inn Aarzgebirg gruußwuurn sei? Su dra dr nörling Graanz, eweng links öberhalb vun Zwicke?

    (Übersetzung liefere ich morgen nach.)

    Herzhaft lachend grüßt trotz allem

    Der Emil

    Gefällt mir

  2. gertjeedelmann permalink
    Juli 9, 2011 9:15 pm

    Nee, desweechn hobsch’n ersdn Satz oo‘ nich vorstandn. Sch bin in’n Dorf ä Sticke hindor Wurzn offgewochsn. Gennd gee Schwein die Egge.
    Aber das ist ja die Crux mit den „Mundartlandschaften“, dass man selbst als Sächsin in Sachsen nicht überall versteht und verstanden wird.
    (Ich warte auf die Übersetzung des 1. Satzes)
    Lieben Gruß ins Anhaltinische *ggg*

    Gefällt mir

    • Juli 10, 2011 1:11 am

      Innu – Ja nun; oder – aber; itze – jetzt; gelaab – glaub; ichs – ich es; fei – (unüberstezbar, etwa: übrigens, tatsächlich, unerklärbarerweise); net – nicht!

      Das «aa» wird gesprochen wie das «a» im amerikanischen “Mary”

      Gefällt mir

      • gertjeedelmann permalink
        Juli 10, 2011 6:54 pm

        Aaah, danke. Ja, fei kenne ich. Das sagen die ja auch im Voigtland. Also ich kenn das aus der Redewendung: Das is fei schie. Aber mit Innu oder itze gelaab konnte ich gar nix anfangen

        Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: