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Die jungen Mütter und Väter von heute haben es gut

Juni 29, 2011

„Kleine Kinder sind kein Grund, aufs Radeln zu verzichten. Im Gegenteil: Viele Touren machen mit ihnen doppelten Spaß. … Alternativ können Eltern ihre Kleinen im Anhänger mitnehmen. Vorteil: Eltern und Kinder haben mehr Bewegungsfreiheit, die Kleinen sitzen meist komfortabler, sind vor Wind und Wetter geschützt. Bei einem Unfall fallen sie nicht vom Rad, sondern sind wie in einer „Schutzzelle“ etwas sicherer.“ Las ich letztens bei test.de.

Ja, ich beneide die jungen Mütter und Väter von heute um diese Möglichkeit des Kindertransportes. Denn diese machen nicht nur sehr lange Fahrradtouren möglich, nein, neben den im Zitat erwähnten Vorzügen, bieten sie vor allem einen Vorteil: Man muss sich, besonders bei langen und für die Brut langweiligen Fahrradtouren nicht unterhalten mit den lieben Kleinen.

Vor 24 Jahren hätte ich gern so einen Anhänger gehabt. Damals fuhr ich mit dem Rad an die Ostsee. Von L.E. aus waren das etwas über 550km. Elisabeth, damals 3 Jahre alt, saß die ganze Strecke auf einem schnöden Kindersitz, der vorn am Rahmen befestigt war. In Fahrtrichtung, Wind und Wetter ausgesetzt. Ihre kleinen Füße mußte sie brav auf den, ebenfalls am Rahmen befestigten, Fußstützen halten. Denn hätte sie das nicht getan, wären ihre Füße womöglich in die Speichen des Vorderrades geraten. Festhalten mußte sich das arme Kind auch. Am Lenker. Und zwar ohne zu lenken! Denn gelenkt habe ich.

Auf dem Gepäckträger befand sich unser mobiles Heim: Zelt, Luftmatratzen (Isomatten gab’s im Osten noch nicht und die zu solchen umfunktionierten Automatten waren für einen Gepäckträger nun wirklich zu sperrig), Schlafsäcke, je eine Wechselhose und ein Wechsel-T-Shirt für jeden, Jacke, Regencape, Unterwäsche (Badesachen brauchte man damals Gottlob noch nicht) und Waschzeugs. Essen und Trinken haben wir uns unterwegs gekauft. Im Ländle gab’s ja Festpreise und man konnte sich beruhigt in jedem Dorfkonsum versorgen). Über allem thronte eine Decke für die Mittagspause. Denn die mußten wir strikt 12:00 Uhr einlegen. Punkt Zwölf schlief der Krümel nämlich ein. Und das ist blöd auf so einem kleinen Kindersitzlein vorn am Rahmen. Es galt also nicht nur, sich während der ganzen Fahrt mit dem Kind zu unterhalten, vorzugsweise über das, was es so am Wegesrand zu sehen gab, kurz vor 12 mußten wir auch schnell einen schattenspendenden Baum finden, die Decke drunter ausbreiten –  und dann schlief Elisabeth manchmal bis zu vier Stunden. Ich übrigens auch. Wenn ich vorausplanend genug war, hielten wir schon eine halbe Stunde eher, so dass noch Zeit für einen kleinen Snack blieb. Aber Punkt Zwölf war definitiv Schicht.

So fuhren wir an die Ostsee. Fünf Tage dauerte die Fahrt.

Und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich neidisch auf die jungen Mütter und Väter von heute bin. Denn mit so einem Fahrradanhänger hätten wir nur halb so viel Spaß gehabt. 10000 Worte oder mehr wären nicht gesagt, 100 Lieder nicht gesungen worden. Wir hätten uns kaum gemeinsam an den Graureihern, den schilfgedeckten Häusern, den Bauern auf den Feldern erfreuen können. Elisabeth hätte nicht erfahren, wie auch mich das Kopfsteinpflaster ärgerte, sie hätte nichts vom Staub der Sommerhitze mitbekommen, meine Hast bei einsetzendem Regen wohl auch nicht verstanden. Und all die Bäume am Wegesrand und die Frage, welcher wohl am besten als Schattenspender geeignet wäre! Sie wären achtlos an uns vorübergezogen.

Und all die Dinge, die ich nie von ihr gelernt hätte, wäre sie während der ganzen Fahrt in einen Fahrradanhänger eingesperrt gewesen.

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5 Kommentare leave one →
  1. Juni 29, 2011 8:37 am

    Heute sprichst Du mir aus der Seele. Egal, was gesagt wird, ich vermisse diese Zeit, in der noch Familienleben üblich war, obwohl oft beide Eltern arbeiteten.

    Es fehlt mir auch immer wieder der andere Umgang der Menschen miteinander, der damals üblich war.

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    • gertjeedelmann permalink
      Juni 29, 2011 11:08 am

      Naja, was den Umgang der Menschen miteinander betrifft, so ist es ja genau der, den Kinder lernen, wenn die Eltern den Umgang mit ihnen pflegen. Denke ich. Nein, weiß ich!

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  2. Heglow permalink
    August 10, 2011 2:42 pm

    Das ist eine schöne Geschichte!
    Ich bin auch noch auf diesen kleinen Lenkersitzen transportiert worden. Als Schutz vor Wind und Regen gab es diese gebogenen durchsichtigen Plastikscheiben mit Gummizug.
    Meine Tochter fährt jetzt bei längeren Touren im Wagen oder Kurzstrecke auf dem Kindersitz. Es stimmt, die Unterhaltung ist so schwieriger.
    Aber besser so, als gar nichts miteinander zu unternehmen.

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