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Der Traum von der WG

Juni 25, 2011

Vor ein paar Tagen fragte mich das Kind, ob ich dem Gedanken, dass sie ausziehen würde, grundsätzlich abgeneigt wäre. Ich antwortete, ohne groß nachzudenken, „Ja“.

Betroffenheit beim Kind.

Das Kind ist 18 und sieht gerade dem Ende der 11. Klasse entgegen.

Vor einem Jahr hat sie das Gymnasium gewechselt. Am Ostwald, einem Spezialgymnasium für mathematisch begabte Kinder, hätte sie kein 1er Abi geschafft. Und weil es bei der ZSV niemanden interessieren wird, dass diese Note unter erschwerten Bedingungen erreicht wurde (3 Leistungskurse, Pflicht BeLL), fällte sie die kluge Entscheidung, lieber das Gymnasium zu wechseln. (Ich lass jetzt mal außen vor, dass ich ihr das schon im 2. Halbjahr der 10. Klasse zu bedenken aufgetragen hatte, sie aber damals noch der Meinung war, sie würde auch am Ostwald ihre Wunschabinote schaffen). Leider war man am neuen Gymnasium der Meinung, sie müsste die 11. Klasse wiederholen, weil das Ostwald ja ein anderes Kurssystem (nämlich einen Leistungskurs mehr, den sie jetzt als Grundkurs macht) hat.

Nun steckt sie also in der schwierigen Situation, dass alle ihre Freunde, mit denen sie 7 Jahre die Schulbank drückte, ihr Abi in der Tasche haben und sich in Kürze an alle möglichen Unis in alle Winde verstreuen werden. Das führte schon in den letzten Wochen zu einem bedenklichen Interessenverlust hinsichtlich Schule, die sie (gemeint ist hier dieses ganz normale Gymnasium), nebenbei bemerkt, relativ doof findet. Stattdessen musste sie ständig Abschiedsparties feiern.

Soweit zur Vorgeschichte.

Denn einer bleibt hier. Wird in Leipzig studieren und ab September in einer schnuckligen, kleinen, aber WG-geeigneten Wohnung in der Karli wohnen. Kostet nur 310 € warm! Und hat Balkon! Und Einbauküche! Zwei Zimmer! Und das Kind müsste auch nur 9 (!!!) Minuten eher aufstehen, um pünktlich in der Schule zu sein!

Betroffenheit beim Kind löst in mir immer einen Schuldkomplex aus und ich hebe an, ihr meine Gründe zu erklären.

Bis zum Abi muss sie einfach zu Hause bleiben.

Die Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren, wäre zu groß. In einer eigenen Wohnung wäre ständig Besuch da, der sie vom Lernen abhalten könnten.  Zwar sind fast alle Schulfreunde weg, aber es gibt ja da auch noch ein paar Kletterkumpels und, wer weiß, vielleicht führt ja eine eigene Wohnung auch zu neuen Freunden in diesem doofen Gymnasium.

Und überhaupt, Marcus beginnt mit dem Studium. Und erfahrungsgemäß braucht der durchschnittliche Student genau zwei Semester, um zu begreifen, dass auch so ein Studium eine ernste Angelegenheit ist. Bis dahin wird erst mal mehr de Freiheit genossen.

Und es wäre doch Schade und etwas, was unter Umständen ihr ganzes Leben beeinflussen könnte, wenn das Abi schlechter als gewünscht ausfällt.

Oder?

Ich schaue das Kind an.

Hm. Immer noch Betroffenheit, Enttäuschung.

Verstehst Du meine Gründe?

Ja, tut sie

Hast Du mich immer noch lieb?

Nach kurzem Schweigen: Ja, irgendwo im tiefsten meines Herzens mag ich Dich noch.

Zwei Stunden später steht fest: Das Zimmer muss umgeräumt und renoviert werden, wenn sie schon nicht in eine WG ziehen darf. Aber gern doch. Du darfst so lange Deine Möbel alle in die Stube stellen und ich kaufe auch neue Farbe.

Ich frag sie nochmal, ob sie meine Argumente auch versteht. Tut sieh.

Ich hab so ein gutes Kind.

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