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Tatortbesichtigung

Juni 21, 2011

Am letzten Wochenende war ich in Frankfurt an der Oder. Meine Nicht hatte Geburtstag und sich gewünscht, dass wir alle hinkommen. Ich hatte dann gleich die Idee, das Wochenende dort zu bleiben und mir die Stadt anzusehen. Schließlich war ich nur einmal dort. Vor 34 Jahren. Und habe damals nichts von der Stadt gesehen.

Vor 34 Jahren, Pfingsten 1977, hatte ich Freunde in Polen besucht, war auf der Heimfahrt bis Slubice getrampt und wollte mich dann diesseits der Oder wieder an die Autobahn stellen.

Doch ich kam nur bis zur Grenze. Als ich die Brücke an der der Oder-Neiße-Friedensgrenze überschritten hatte, wurde ich auf Deutscher Seite festgenommen. In Frankfurt fand nämlich ein FDJ- Treffen statt, und da sollten bitte schön nur fröhliche, den Sozialismus bejubelnde FDJler dran teilnehmen. Uneingeladene Gäste waren unerwünscht.

Nach einer Gepäck- und Leibesvisitation, bei der mir ein Plastemesser abgenommen wurde und als gefährliche Waffe registriert worden war (die Teile waren immer in diesen Mitropa-Lunch-Paketen, die man am Automaten ziehen konnte), wurden Ermisch und ich auf einen Ello geworfen, wo schon anderes Pack saß, dass sich ohne FDJ-Hemd und Mandat in die Stadt gewagt hatte.

Ich kann mich an das dann Folgende nicht mehr in allen Einzelheiten erinnern. Nicht an die zeitliche Abfolge und nicht an die einzelnen Orte, wohin wir gefahren, verhört, verprügelt, zusammengepfercht und wieder neu aufgeteilt und weiter transportiert wurden. Ich weiß nur, das Ganze dauerte 23 Stunden (ab 24 Stunden hätte es zum Festhalten einen Grund gebraucht) und endete in Taucha auf dem Polizeirevier, wo ich dann entlassen wurde.

Und die 1. Station, wohin es mit dem Ello ging, war die POS „Dr. Theodor Neubauer“ in Frankfurt an der Oder. In einem Klassenzimmer wurden wir zu schon anderen Zugeführten gestopft. Ich erinnere mich genau an den Ölfußboden, der uns zunächst davon abhielt, uns unten hin zu legen und daran, dass ich einen Bekannten aus L.E. dort traf. Jemand fand im Lehrerpult solche Pionierabzeichen „Goldener Schneemann“ und verteilte sie unter großem Hallo an die Zugeführten. Überhaupt herrschte Anfangs eine eher aufgekratzte Stimmung. So richtig war uns der Ernst der Lage wohl nicht bewusst.

Doch dann, wir hatten gesehen, wie kistenweise Fresskram am offenen Klassenzimmer vorbei geschleppt worden war und daraufhin lauthals nach Essen verlangt, kam ein Trupp gummiknüppelbewaffneter Bullen rein und prügelte auf die Menge ein. Sie gingen auch prügelnd durch das Klassenzimmer, wenn ein neuer Transport zusammengestellt wurde und die Aufgerufenen sich nicht meldeten – inzwischen hatten es sich einige zum Schlafen auf dem Ölfußboden gemütlich gemacht und verpassten „ihren“ Aufruf.

Als ich dann aufgerufen wurde, musste ich wie alle anderen aus meinem Transport durch eine Gasse, die die Polizisten von der Schulhaustür bis zu einem Bus bildeten, laufen. Und auf diesem Weg prügelten sie von beiden Seiten auf uns ein. Spießrutenlauf nennt man sowas wohl.

Im Bus, wir waren vielleicht 15 Zugeführte, der Rest Wachpersonal, ging es irgendwo hin in die Nähe von Dresden. Wie gesagt, ich kann mich nicht mehr an die genauen Zeitabläufe und die Namen der Orte erinnern. Wir kamen in einen Keller, wo wir wieder auf andere Zugeführte trafen. Von dort wurde jeder nach und nach zum Einzelverhör aufgerufen. Es kamen neue Festgenommene dazu und wurden wieder neue Transporte zusammengestellt.

Einmal standen wir irgendwo lange auf einem Gang rum, ich glaube, es war eine Polizeischule und dort wusste offensichtlich niemand so Recht, was er eigentlich mit uns anfangen sollte. Und nach einem weiteren Transport  saßen wir in einem Zimmer auf Stühlen, Gesicht zur Wand. Hinter uns Polizisten, die mit Knüppeln auf jeden einschlugen, der sich regte oder gar sprach.

Irgendwo erzählte mir ein Zugeführter, dass er seinen Ausweis noch hätte und eigentlich gehen könnte. Ich sagte ihm, er solle es doch tun. Das muss in dieser Polizeischule gewesen sein. Er war sich unsicher, ob es klappen würde. Hat es dann aber doch gewagt und ich hab ihn nicht wieder gesehen. Ob er tatsächlich raus spaziert ist oder ertappt und woanders hin gebracht wurde, weiß ich natürlich nicht.

Naja, das ganze endete, wie gesagt, in Taucha. Die Wachhabenden auf dem dortigen Revier waren ganz normale Polizisten. Ältere Herren, so der Typ ABV. Die brachten Skatkarten für die Jungs und gaben uns ihre Pausenbrote. Was da in Frankfurt abgegangen war, schien sie auch etwas zu überfordern. Und obwohl übernächtigt und verschmutzt, sahen wir wohl nicht wie Terroristen aus, eher wie verängstigte Kinder, die zudem ziemlich hungrig waren.

Und nun, 34 Jahre später, kam ich also zum 1. Mal wieder nach Frankfurt.

Ursprünglich wollte ich mir die Stadt ansehen. Plattenbauromantik und so. Aber je näher das Wochenende rückte, desto klarer wurde mir, dass ich die ehemalige Theodor-Neubauer-Schule sehen will. Denn, wenn ich auch sonst nicht mehr weiß, wohin wir damals alles gekarrt wurden, der Name dieser Schule ist mir nie entfallen.

Da bin ich dann also am Sonntag hingelaufen. Obwohl die Schule, wie sich herausstellt, gar nicht direkt in der Stadt liegt, sondern in Booßen, einem kleinen Vorort, eher ein Dorf, ca 6 km außerhalb Frankfurts. Heute ist die ehemalige POS eine Grundschule und heißt „Am Mühlenfließ“. Sie ist saniert, sieht hübsch und friedlich aus und es hat wohl schon zu DDR-Zeiten einige An- und Neubauten gegeben. Denn als ich in jener Nacht 1977 mal zur Toilette musste, wurde ich von zwei bewaffneten Herren zu einem kleinen Toilettenhäuschen auf dem Hof geführt. Ich musste dann bei offener Tür mein Bedürfnis verrichten, während sich einer meiner Bewacher hinter dem Fenster, der andere in der offenen Tür postierte.

Die ehemalihge POS Dr. Theodor Neubauer heute

Damals habe ich übrigens zum 1. Mal bis zu den Zähnen bewaffnete Polizisten gesehen, so ganz in Schwarz und mit Helm und Schild und Schlagstöcken, die ja eigentlich so eine Art fester Peitschen sind. So was kannte ich bis dato nur aus dem „Westen.“

Das Häuschen steht jedenfalls nicht mehr. Die Schule selber hat in mir nichts geweckt. Ich war ja selber gespannt auf meine Reaktionen, Gefühle, Empfindungen.

Nix.

Vielleicht hat sich zu viel geändert, so dass eigentlich keine Erinnerungen oder Empfindungen wach gerufen werden konnten.

Ganz anders die Dorfbewohner. Im Nachbargrundstück arbeitete eine Frau in ihrem Garten, im anderen fuhr eine Frau gerade ihr Auto aus der Garage. Die hätte ich gern gefragt, ob sie 1977 schon hier gewohnt haben. Und was sie von jener Nacht mitgekriegt haben. Wenn in so einem Dorf plötzlich Ellos und Busse vorfahren und in der Schule nachts Licht brennt, kann das ja nicht unbemerkt bleiben. Was haben sie darüber erfahren? Was sich dabei gedacht? Das war doch sicher Dorfgespräch in den nächsten Tagen. Hielten sie uns für Rowdies (eine damals gängige dikreminierende Bezeichnung für nicht ins Bild passende Jugendliche). Hat sich auch nur ein Dorfbewohner kritisch geäußert? Oder die Sache hinterfragt? Ich habe keine der beiden Frauen auf das Thema angesprochen, sie nicht gefragt. Ihre Reaktionen, egal in welche Richtung, hätten mich vermutlich emotional überfordert. So ist das bei mir immer, Gebäude, Orte, Institutionen rufen in mir keine besonderen Empfindungen wach. Das sind Dinge, die so lange tot und unwirksam sind, bis ihnen Menschen Leben einhauchen. Und so sind das, was mich dann aber wirklich trifft, die Menschen, vor allem dann, wenn sie gleichgültig reagieren. Ich hab ja auch  nie Einsicht in meine Stasiakten beantragt. Was soll ich mit einem Stück Papier, wenn ich nicht die Gelegenheit habe, z.B. die Stasi-Offiziere, die mich ein paar Wochen später in die Mangel nahmen, zu fragen, ob sie in den 14 Tagen, die sie mich täglich verhörten, auch nur einen Moment ein schlechtes Gewissen, gar Mitleid mit mir hatten? Ob sie sich überhaupt irgendwelche Gedanken gemacht haben? Es geht mir nicht darum, irgendjemanden anzuklagen oder zu verurteilen. Ich rede ja auch wieder mit einigen der früheren Freunde, die damals als  IM’s gearbeitet haben; nachdem ich mich ganz persönlich mit ihnen ausgesprochen habe, sie mir ihre Beweggründe und Ängste geschildert haben und ich ihnen meine. Mir geht es bei dem ganzen Kram aus dieser Zeit mehr um die menschliche Komponente. Ich habe mich von dem System weitestgehend nicht vereinnahmen lassen, kann heute noch mein Spiegelbild ertragen. Mich interessiert, warum andere das nicht konnten. Und manche Gründe, wie z.B. Erpressung, sind für mich durchaus nachvollziehbar. Aber manchmal ist das Trauma vielleicht zu groß oder zu gut verdrängt, als dass ich daran rühren würde, indem ich einfach einen scheinbar Unbeteiligten zu etwas befrage. Scheinbar, weil sich natürlich die Frage stellt, in wieweit ein Zuschauer unbeteiligt ist, wenn er Unrecht geschehen, unkommentiert lässt oder sich nicht einmal die Mühe macht, darüber nachzudenken.

Wenigstens nahm der einsetzende Regen der Idylle etwas von ihrem Charme.

Die Brücke über der Oder heute, links stand damals das Haus, in dem die Leibesvisitation durchgeführt wurde

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3 Kommentare leave one →
  1. Februar 1, 2012 8:34 pm

    auch dieser Bericht hat mich beeindruckt – – muss ich jetzt deine ganzen Archive durchforsten? 😉

    Ich werde mit zunehmendem Alter zusehends ungehaltener wenn ich darüber nachdenke oder Berichte wie diesen lese, wie die Oberirren in Bonn und Berlin(Ost) und ihre Befehlsgeber in Washington und Moskau da gehaust haben. Und noch heute haben wir an den Folgen zu tragen, jeder auf seine Weise.
    Das Positive daran: wir können darüber sprechen und uns und unsere Geschichte kennen und verstehen lernen.

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    • Februar 1, 2012 9:20 pm

      “ muss ich jetzt deine ganzen Archive durchforsten“
      Nee, lass mal, ich weiße zu gegebener Zeit auf ähnliche Blogs hin 😉
      Jemand, der irgendwann nach West-Berlin „verkauft“ wurde, hat mal erzählt, dass er nach einigen Jahren im Westen ziemlich ernüchtert sei, da die erhoffte Freiheit nur eine scheinbare sei. Sie meinte, wer im Osten rebelliert habe, würde auch im Westen sehr schnell Kanten finden, an denen er sich stößt. Und dort sei zwar die Leine etwas länger, aber irgendwann komme man wieder an den Punkt, wo man als Störenfried empfunden wird und mit Bewegungseinschränkungen bestraft wird. So in der Art. Naja, das war in den 80ern.

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  2. Small Move Mountains permalink
    März 12, 2013 10:03 am

    „Sie meinte, wer im Osten rebelliert habe, würde auch im Westen sehr schnell Kanten finden, an denen er sich stößt.“
    …genauso ist es…
    Es ist „schön“ zu lesen, das es auch noch andere gab, die solch Geschichten erzählen können…
    Grüße!

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