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Vom perepisywatsja mit penpals und was davon geblieben ist

Juni 17, 2011

Könnt Ihr, die Ihr wie ich diesseits der Mauer geboren und groß geworden seit, Euch noch an den Tag erinnern, als die Russischlehrerin (meistens waren es Lehrerinnen) in die Klasse kam, ein Bündel Briefe schwenkte und jedem zu einem Brieffreund aus der Sowjetunion „verhalf“?

Und? Wieviel Briefe habt Ihr geschrieben? Einen? Euch noch einen zweiten abgerungen? Oder ist gar eine wirkliche Brieffreundschaft entstanden? Hat diese die jeweils erste Liebe eines der beiden Freunde überstanden? Dann war wohl wirklich eine Freundschaft drauß geworden.

Meine erste Brieffreundin stammte jedenfalls aus so einem Bündel Briefe. Ich war 12 oder so und ich weiß nicht, wie lange das hielt (aber sicher mehr als 5 Briefe). Ich weiß nicht mehr, aus welchem Teil des riesigen Landes sie kam und nicht mal, wie sie hieß. Aber ich war infiziert. Brieffreundschaften boten die Möglichkeiten, über den Tellerrand zu sehen, etwas über das Leben jenseits von Propaganda und Büchern zu erfahren. Oder einfach Dinge aus dem täglichen Leben. Die Wirklichkeit eben. Ganz nebenbei habe ich auch mein Russisch erweitert. Denn um zu lernen und zu erfahren, wie Natascha lebt, wenn sie die Tür hinter sich schließt, um in ihr ganz privates Ich abzutauchen, brauchte es etwas mehr als das im Russischunterricht erworbene Wissen.

1973, anlässlich der Weltfestspiele, lernte ich ein paar Menschen kennen, die weder in der Sowjetunion, noch in der DDR lebten, mit einem davon schrieb ich mich, bis zur Bombardierung Damaskus’ – danach hab ich nie wieder was von ihm gehört. Syrien war ja nun eine ganz andere Welt. Mein Horizont erweiterte sich in eine ungeahnte Richtung. Auch wenn das in Englisch noch schwieriger war als in Russisch. Hatte ich doch gerade Englisch als 2. Sprache belegt, d.h. meine Kenntnisse beschränkten sich auf den einmal wöchentlich stattfindenden Unterricht, in dem ich zwar lernte, die Arbeitslosigkeit in Irland anzuprangern; um die kleinen, die ganz alltäglichen Dinge des Lebens zu benennen und zu verstehen, musste ich aber auch hier wieder meinen Wortschatz bedenklich erweitern.

Dann, als ich so um die 15 war, entdeckte ich „Radio Tele Luxemburg“! Die gaben täglich zwischen 19:00 und 19:30 Uhr so ein bis zwei Adressen von Leuten durch, die Brieffreunde suchten. Natürlich war „Radio Tele Luxemburg“ nicht täglich und auch dann nur schlecht zu empfangen, aber ich hatte alsbald eine wirklich gute Freundin in Belgien (allerdings nur, bis sie sich ernsthaft verliebte und verlobte), sowie Brieffreunde jenseits der Mauer, in Frankreich und in Österreich. Für mich war jede und jeder wie ein kleines Loch in der Mauer, das mir einen Blick nach außen erlaubte. Zumal mich alle nicht nur mit eigenen Ansichten, sondern auch mit Zeitungsartikeln versorgten.

Und einige waren genauso neugierig auf das Leben hier wie ich auf das ihrige und kamen mich gar besuchen. Ich lernte meine Freunde aus Finnland, Österreich und den Niederlanden kennen.

Was ist daraus geworden, was ist geblieben?

Nun, die meisten Brieffreundschaften halten nicht ewig. Es schreiben sich ja unbekannte Leute und so kommt es, dass mancher Briefwechsel sich nach einiger Zeit „tot läuft“. Es ist eigentlich alles gesagt und igendwie hat man nicht die gleichen Interessen. Manchen fehlt auch die Zeit, wenn Familie oder Beruf sie zu sehr in Anspruch nimmt. Dazu kommt bei mir natürlich auch, dass nach der Maueröffnung ich ja mich selber umtun und umsehen konnte und das auch ausführlich getan habe und tue. Und das Internet tut sein übliches. Mails sind schneller geschrieben aber letztendlich auch unpersönlicher.

So bleiben die Briefe nur noch für das ganz persönliche. Und so habe ich eben doch noch Brieffreunde, die ich nun auch guten Gewissens Freunde nennen darf. Denn wir tauschen uns unsere Gedanken schon seit Jahrzehnten aus, haben unsere Kinder groß werden sehen, uns längst gegenseitig besucht. Manchmal nach Jahren, dank des Internets, wiedergefunden. Wir schreiben uns nicht mehr so regelmäßig, manchmal nur zwei  drei Briefe pro Jahr. Kontakt besteht zusätzlich auch übers Internet. Via Facebook oder Skype oder einfach, um mal schnell eine „Hallo ich lebe noch“-Mail zu schicken. Im März traf ich mich mit einer Freundin aus Frankreich, die seit 20 Jahren in London lebt; unser Kontakt besteht eigentlich nur noch aus Weihnachts- und Urlaubskarten. Eine Freundin aus Norwegen, die, als sie Oma wurde, mir mitteilte, dass sie nicht mehr die Zeit hätte, zu schreiben, fand mich, so wie eine andere aus Schweden und eine aus Finnland,  Jahre später bei Facebook wieder. So sind wir wieder im losen Kontakt.

Das ist daraus geworden. Aus einem Bündel Briefe im Russischunterricht. Echte Freundschaften.

Ihr fragt Euch, wo die aus der ehemaligen Sowjetunion sind?

Nun, Ülles Tochter aus Estland (früher die Estnische Sowjetrepublik) machte bei uns Ferien, Natalja aus der Ukraine (früher die Ukrainische Sowjetrepublik) lebte heut in Haarlem/NL. Sie hat mich via Skype gefunden. Wir schreiben uns Russisch. Was ein bißchen anstrengend ist, weil ich etwas aus der Übung gekommen bin, aber gerade deshalb gut. Eigentlich müsste ich auch mal wieder ein bißchen Polnisch, Italienisch und Französisch üben.

Denn dafür sind Briefe auch gut. Wenn man nicht ständig in das betreffende Land fahren kann (und wer kann das schon), kann man sprachlich auf dem Laufenden bleiben. Vielleicht sollte ich mal Skype und Facebook durchsuchen?

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2 Kommentare leave one →
  1. Juni 20, 2011 2:40 pm

    Ja, wie schön 🙂
    Ich kann mich erinnern, ja…auch wenn die meisten Erinnerungen aus der Schulzeit zum Glück in meinem Hirn „gelöscht“ worden….
    Ich hatte nen Brieffreund. Alexander – Sascha. Glaub, ein Brief ist zustande gekommen, mehr nicht. Muss dazu aber auch sagen, meine Lehrerin gab sich damals nicht viel Mühe. Von Deutsch – in Russisch übersetzen und umgedreht…meist schriftlich…das war mein Unterricht. Und dann das gleiche nochmal in privat…nee – dazu hatte ich dann nicht mehr viel Bock. Habs leider mit Sprachen nicht so dolle (sollte mal auf ne Russischschule….was zwar ne große Ehre war, aber Fremdsprachen….) ABER – kyrillisch ist was sehr interessantes!! Das war glaub auch das, was mich am Russischunterricht fasziniert hatte. Und – die Vorstellung, irgendwann mal auf dem Roten Platz in Moskau sein zu können…Zwiebeltürme….und – irgendwann werde ich mal dort sein 🙂
    Das sind so meine Assoziationen mit dem Russisch…

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    • gertjeedelmann permalink
      Juni 22, 2011 4:55 pm

      So ging es wohl den meisten, mit den Brieffreunden aus der SU meine ich. Und den Roten Platz, den seh ich mir nächsten Sommer an. Das ist fest geplant!

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