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Streetart in L.E.

Mai 25, 2011

Die einen nennen es Kunst, die anderen Vandalismus. Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Leipzig ist jedenfalls voll davon. So voll, dass es irgendwann nicht mehr ins Auge fällt. Höchstens, wenn ein neu saniertes Gebäude gesprayt wurde. Die Rede ist von Graffiti.

Ich weiß nicht, wann das in Leipzig losging. Ob direkt nach der Wende oder erst Mitte der 90er.

Graffiti in der Dresdner Neustadt 1991

1991 Graffiti in der Dresdner Neustadt

1990 waren die Häuser in einem bemitleidenswerten Zustand. Altersschwach, unsaniert, grau. Ihre Mauern dienten als Fläche für Poster und Plakate aller Art. Politische Manifestationen, Werbung oder einfach „Gekritzel“. Ersteres und letzteres einfach nur in weiß oder schwarz angepinselt, manchmal auch nur mit Kreide aufgetragen. Mag sein, dass da schon die ersten writings darunter waren… mir sind sie nicht aufgefallen. Ich wohnte im Süden und hab mich da auch die meiste Zeit bewegt. Zwischen besetzten Häusern schossen „private“ Kneipen in Wohnungen und Kellern wie Pilze aus dem Boden. Nebenbei wurden reformpädagogische Schulen gegründet, die ehemalige FDJ-Kreisleitung besetzt und zur „Villa“ für Kinder und Jugendliche umfunktioniert, in der NATO gab’s die Reaktionskonzerte und in der Villa militante Grufties, wie sie damals noch heißen durften. Alles schien möglich im Osten des Landes während ein Großteil der Bevölkerung nach der D-Mark schrie und die Politiker den Ausverkauf vorbereiteten.

Und Linke und Rechte um Stadtviertel kämpften. Es gab Überfälle in Connewitz, wo schon seit den 80ern Häuser besetzt waren, und als die Rechten einen Sturm auf die Villa ankündigten, verschanzten  und verbarrikadierten wir uns in eben dieser, holten Hilfe aus der Stö, und erhielten ganz unerwartet auch welche von  uns völlig Unbekannten, die von Radio „Sputnik“ dazu aufgefordert wurden und uns nun mit Essen, Kaffee und Zigaretten versorgten.

Alles in allem, eine aufregende Zeit. Wie hätte ich da auf Graffitis achten sollen?

Und plötzlich waren sie überall. Writings. Zuerst sind sie mir auf Eisenbahnwaggons aufgefallen, auf Baucontainern. Später dann auf unsanierten Gebäuden, Mauern, Brücken. Sie verschwanden, wenn entsprechende Objekte saniert wurden. Aber wie gesagt, mir sind sie nicht besonders aufgefallen. Ich habe mich weder an ihnen gestört, noch hätte ich sie als Kunst bezeichnet.

Und ich hätte sie in keinster Weise mit einem politischem Statement in Verbindung gebracht. Erst als wir 2003 im Zuge einer Aktion alle Kameras in der Leipziger Innenstadt katalogisierten, wurde mir klar, dass es auch um die Nutzung öffentlichen Raums geht. Zwar bin ich mir sicher, dass die meisten Kids nicht aus einer politischen Motivation heraus sprühen, aber gerade  oder auch mit den Gedanken an diese Szene im Hinterkopf stellt sich die Frage: Wieviel Stadt gehört uns eigentlich? An den Eingängen zu den Gründerzeitpassagen, für die Leipzig berühmt sein sollte und in denen sich nach den aufwendigen Sanierungen wieder Geschäfte und Restaurants angesiedelt haben, weisen Hausordnungen jeden, der in der Lage ist, den Blick auch mal vom schönen  teuren Schein hinter den Schaufenstern abzuwenden, darauf hin, dass eben diese nicht mehr den Bürgern gehören. Privatisierung Öffentlichen Raums nennt man so etwas.

Als mir die ersten großflächigen Writings auffielen, war ich nicht immer damit einverstanden.

An neu sanierten Häusern schienen sie mir zunächst deplatziert. An Eisen- oder Autobahnbrücken dagegen empfand ich sie als Bereicherung. Und an den immer noch vielen unsanierten Häusern brachten sie Farbe in das Grau, von dem wir uns gerade zu entwöhnen suchten. Irgendwann gehörte dann „Snow“ für mich zu Leipzig wie der Thomanerchor oder der NATO- Cup. Wenn ich über die Autobahn Richtung Heimat fuhr, bereitete mir sein weithin sichtbarer Schriftzug ähnlich wie der Bärlauchgeruch der Auwälder im April und Mai ein heimeliges Gefühl.

Wann die ersten Stencils auftauchten, weiß ich auch nicht mehr. Aber es war irgendwo in der Nähe des Ballrooms, sie gefielen mir sofort und ich habe sie vermisst, wenn sie beseitigt oder überpinselt worden waren.

Bei mir im Viertel stand lange genau neben dem Reichsgericht ein zugespraytes Haus. Ich hab mich oft gefragt, wann das eigentlich saniert wird. Jetzt ist es soweit. Saniert und ich kann mich nicht mehr an die einzelnen Graffiti erinnern.

Deshalb hatte ich die Idee, doch die kleine alte Kodak mit mir rumzuschleppen und immer mal Graffiti zu fotografieren. Letzten Freitag hab ich’s zum 1. Mal probiert. Ich musste in die Stadt, dann in die Tierklinik, dann ins Institut und dann über das Volkshaus nach Hause. Ich bin fast nicht vorwärts gekommen. Musste ständig vom Rad und fotografieren. Selbst in der Innenstadt, die doch lückenlos kameraüberwacht ist, hat die Szene neue Spuren hinterlassen. Ob nun künstlerisch anspruchsvoll oder nicht.

Seitdem habe ich die Kamera immer mit. Und zumindest wenn ich den üblichen Arbeitsweg verlasse, entdecke ich immer wieder Neues.  Allerdings scheinen jetzt Sticker im Trend zu liegen. Stencils findet man eher weniger. Dazu ein paar Plakate, also diese ausgeschnittenen Dinger, die mich aber auch sehr ansprechen.

Übrigens geht es nicht nur mir so. Als ich Samstag mit Freunden im Park saß und wir über Graffiti sprachen und darüber, wie wenig sie uns in einer Stadt wie Leipzig auffällt, war einer meiner Hausbewohner überrascht zu erfahren, dass es auch in unserem Viertel jede Menge davon gibt. Gleich wenn man das Haus nach links verlässt.

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3 Kommentare leave one →
  1. Mai 25, 2011 7:43 pm

    Hey Gertje (sehr schöner Name!!),
    vielen Dank für Deinen Besuch auf meinem Blog, hab mich echt gefreut!
    Auch, hier einen so tollen Bericht gelesen zu haben, über mein geliebtes LE!
    Wird Zeit, dass ich da mal wieder hinkomme.
    Ja, nun hat es Dich also auch mit der Streetart/Graffiti erwischt 😉
    Wollte auch schon mal zur IBUG in Meerane, schon mal was von gehört? Musste mal recherchieren! Deine Fotos und vor allem Dein Text ist klasse! In solch einem LE-Blog werde ich wohl öfters rumwuseln..
    LG aus B, Steffi

    Gefällt mir

    • gertjeedelmann permalink
      Mai 26, 2011 8:31 am

      Hallo Steffi!
      Biste etwa von hier?
      Danke für Deinen Besuch und Kommentar! Hab mich riesig gefreut.
      Ja, von der IBUG hatte ich noch nichts gehört. Hab mich gleich umgetan und es klingt total spannend. Leider passt der Zeitraum nicht. Da hoffe ich nämlich, urlaubsmäßig auf irgendeiner Westschottischen Insel zu hocken bzw zwischen diesen hin und her zu jumpen.
      Lieben Gruß aus der Heldenstadt, Gertje

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  2. Mai 27, 2011 9:55 pm

    Moin Gertje 😉
    Nicht so wirklich, eigentlich aus DE, war in meiner Kindheit aber immer über die Sommer in LE. Würd auch nach LE ziehen, wenn sich das mal noch ergibt. Auf jeden Fall eine Stadt, in der ich mich immer sehr wohl gefühlt habe. (Der Klang der Straßenbahnen hat mich bis heute fasziniert, wobei ich befürchte, die alten gibt es gar nicht mehr und somit ist auch der Klang nicht mehr…)
    Glaub, die IBUG ist wohl jedes Jahr? War auch noch nie dort, möchte aber irgendwann mal dort sein.
    LG aus der Chaosstadt Berlin 😉

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