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Karneval vs Fasching

März 23, 2011

Wenn es einen über 40jährigen Couchsurfer aus den sogenannten alten Bundesländern, also einen Wessi, auf meine Couch verschlägt, hat der oft viele Fragen zum Leben in der DDR.

Gerade ist die Buchmesse zu Ende gegangen und meine Gast, eine Buchhändlerin aus einer Kleinstadt bei Frankfurt (am Main, versteht sich), ist nach einem herzlichen Abschied in einen Zug Richtung Westen gestiegen.

Wohl, weil es noch gar nicht so lange her ist und also frisch in Erinnerung, kam in unseren Gesprächen auch die Frage nach dem Karneval in der DDR.

Nun gibt es durchaus kleinere Enklaven im Osten, wo es auch vor über 20 Jahren schon Karnevalsumzüge gab. Ich erinnere an Wasungen , wo es alljährlich auch die sogenannten Kunden hinzog, was die Ordnungsmacht ziemlich gestört haben dürfte, die Wasunger vermutlich auch. Nicht desto trotz soll es eine gewisse Solidarität der ortsansässigen Bevölkerung mit den in Massen angereisten, immer nach einer Gelegenheit zum exzessiven Feiern suchenden Langhaarigen gegeben haben. Ich kann da nur auf den Erfahrungsschatz meiner Freunde zurückgreifen. Selbst war ich nie da. Der Rosenmontag ist nun mal im Februar, da ist es kalt, da fahr ich nicht wohin, wo ich nicht weiß, wo ich schlafen soll.

Ich war trotzdem mal bei so einem Umzug. Irgendwo im Harz. Da leben ja auch Katholiken und die feiern eben Karneval. Ich stand also  am Rand irgendeiner Dorfstraße im Schlamm und wartete, dass die Parade der alberne Wagen ziehenden Trecker endlich vorüber wäre. Mir fehlte der Bezug zum Geschehen und wohl auch zur Tradition.

Denn in den meisten Teilen der ehemaligen DDR feiert man Fasching. In ganz unterschiedlicher Ausprägung und Intensität.

Am 11.11. treibt es Gymnasiasten zu allerlei Unfug in den Schulen. An manchem Arbeitsort setzen sich besonders Verwegene ein neckiges Hütchen auf den Kopf. Natürlich gibt es überall Pfannkuchen (denn so heißen die hier in Sachsen und ich weigere mich, die anders zu nennen) bzw ihre Äquivalente in den anderen östlichen Regionen.

Im Übrigen gehen die Kinder zwischen 3 und 10 Jahren samt Eltern abends zum Martinsumzug. Und der hat überhaupt nichts mit Karneval zu tun, auch nicht mit Fasching und ist ein ernster Anlass. Diese Umzüge gibt es noch heute.

Im Gegensatz zur Tradition des Bettelns am Fastnachtdienstag, das bis zur Jahrtausendwende noch in den Dörfern der Region östlich von Leipzig Bestand hatte. Seitdem wird dieser lokale Brauch nach und nach von Halloween  verdrängt.

Wie sich aber herausstellt, kannte man diesen Brauch in der Frankfurter Ecke (am Main) auch. Sogar das Bettellied ist fast dasselbe. Nur zogen die Kinder da am Martinstag, also am 11.11. los. Statt also wie hier mit anderen zu teilen, heimsten man da  ein.  Ich glaube allerdings nicht, dass dieser kleine Unterschied irgendetwas mit der Mangelwirtschaft hier und der Überflussgesellschaft da zu tun hat.  Und hie wir da  verschwinden manch lieb gewonne Bräuche, an neue muss man sich gewöhnen. Das nimmt dann manchmal allerdings groteske Formen an.

Wie gesagt, hier feiert man Fasching.

Irgendwann im Februar, also um die Zeit des Rosenmontags herum.

Natürlich feiern nicht alle Fasching. Das passt nicht zum Protestantismus, der trotz 40 jährigem Sozialismus nicht ausgelöscht werden konnte. Zwar gehen die Leute nach wie vor eigentlich nur Weihnachten zuhauf in die Kirche, aber das soll ja woanders auch so sein. Die Feste aber übernimmt der Mensch gern in seinen Alltag. Zu mindestens in einem bestimmten Alter.

Fasching begehen hier traditionell  die Jüngsten, also die bis etwa 10jährigen. Was wäre eine Kita oder eine Grundschule ohne das alljährliche Kostümfest?

Dann kommen die Kinder in das Alter, wo sie es, durchaus verständlich, albern finden, sich Pappnasen ins Gesicht zu drücken.

Als Studenten finden sie es wieder toll. Und das ist die eigentliche Faschingstradition. Die früher dreitägigen Feste der einzelnen Hochschulen und Fakultäten. Mit Elferrat, Programm und extra produziertem Film. Und der augenzwinkernde Konkurrenz untereinander.

Möglicherweise erfreuten sich diese Faschingsmarathons früher, als der junge DDR-Bürger angesichts des auch diesbezüglichen Mangels jede Feiermöglichkeit dankbar annahm, größerer Beliebtheit als heute. Trotzdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass die Bahu, TH, Chemie, DHFK, Medizin und Stomafaschings sich immer noch großen Zulaufs erfreuen. Der Grafikfasching, vor 30 Jahren der König dieser Art Festivität, scheint allerdings seine Spitzenreiterrolle eingebüßt zu haben.

Seit der Deutschen Einheit gibt es den merkwürdigen Versuch, Rosenmontagsumzüge auch in hiesigen Gefilden zu etablieren.

Bei den Berlinern verstehe ich das irgendwie, die brauchen einen Ersatz für ihre abhanden gekommene Love Parade.

Den Leipzigern ist nichts abhanden gekommen. Im Gegenteil wurden hier schöne neue Dinge, wie das WGT, die Régates de Baquet, der Nato-Cup  oder der Prix de Tacot erfunden und etabliert. Alle Veranstaltungen erfreuen sich inzwischen einer gewissen Tradition und bieten allen Teilnehmern und Zuschauern, die es denn wollen oder brauchen, genügend Möglichkeiten, die Alltagskluft gegen dem Anlass entsprechende Kostüme zu tauschen.

Nun könnten einige die liebgewonnen Montagsdemos vermissen. Aber ob die, auch wenn der Wochentag immerhin derselbe ist, tatsächlich durch einen Rosenmontagsumzug zu ersetzen sind, wage  ich zu bezweifeln.

Auch gebe ich unseren Neubürgern aus den alten Bundesländern, vor allen jenen, die es aus der Kölner Ecke in unsere schöne Messemetropole verschlagen hat, nicht die Schuld. Ich glaube viel mehr, dass es Alteingesessene sind, die dem Wahn verfallen sind, eine solche Veranstaltung würde uns noch etwas westlicher machen, möglicherweise die Integration fördern und vielleicht sogar glauben, es könne nur so zusammen wachsen, was zusammen gehört.

Natürlich zieht man nicht am Montag. So närrisch geht’s dann doch nicht zu. Die Jecken werden an einem Sonntag auf die Straße gebeten. Alte Leute und Familien mit Kindern (unter 10) nehmen das gern an und säumen den Straßenrand.

Und der karnevalserprobte, und diesbezüglich unter einem Mangel leidende zugezogene Rheinländer, dem vom  verständnislosen Chef der Heimaturlaub verwehrt wurde.  Verwundert beobachtet der Neu-Leipziger, wie sich alte Damen um die Kamellen prügeln. Er wiederum wird von den Alteingesessenen mit Kopfschütteln und mildem Lächeln bedacht, in seiner Gladiatorskluft, in für die Witterungsbedingungen völlig ungeeigneten Sandalen. Denn die Alt-Leipziger setzen sich maximal ein Hütchen auf den Kopf. Aber nur die ganz mutigen. Eigentlich tragen nur Kinder Hütchen. Es versteht sich von selbst, dass ich nur die bis 10jährigen meine. Den Rheinländer wiederum ärgert das. Wie können die Ossies nur so ignorant sein? Auch ist ihm der Zug viel zu kurz. Und das es von manchem Wagen statt Kamellen nur Papierschnipsel regnet, bestärkt ihn in dem Vorsatz, im nächsten Jahr um seinen Heimaturlaub zu kämpfen!

Prix de Tarot in Leipzig

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2 Kommentare leave one →
  1. Mai 27, 2011 10:41 pm

    Cool! Ich kenn auch nur den Fasching und die Tradition, das die Schüler am 11.11. in meiner ehemaligen Stadt immer die Kreuzung belegten, gefeiert haben. (nicht nur IN den Schulen..)
    Ich komm mit Karneval und dem ganzen Drumherum auch nicht klar.

    Nur – der Pfannkuchen – der ist dann doch noch ein Berliner geworden 🙂

    Darf „Frau“ sich fürs Couchsurfen anmelden? 😉 So wie sich Dein Blog liest, gäbe es bestimmt sehr spannenden Gesprächsstoff!

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  1. Was dem einen sein Lieb… « Inch's Blog

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