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Wie kommt der Fuchs ins Rugby Stadion

März 19, 2011

Gedanken zu einem Besuch im Twickenham Rugby Stadium am 13/3/2011

Diese Frage stellt sich, wenn man unter 80000 Zuschauern im ausverkauften Rugby Stadion in Twickenham nahe London sitzt.

Natürlich ist ein Fuchs in urbaner Umgebung nichts außergewöhnliches. Erst neulich lief mir einer auf dem Weg zur Arbeit vors Fahrrad. Füchse sind Opportunisten und haben sich längst den Gegebenheiten angepasst. Man möchte meinen, in Städten lebe es sich beinahe besser als draußen in der Heide. Mülltonnen bieten genug Nahrung und in der Stadt muss der kleine Räuber  auch keinen Jäger und vermutlich auch keine Fallen fürchten. So zeigt er sich, wenn er auf uns Menschen trifft, nicht mal besonders scheu. Auf uns Menschen in der Stadt, versteht sich. Und in einer Stadt wie Leipzig, wo der Grünflächenanteil 50% !! beträgt und der Waldanteil immerhin 7%, lebt es sich für den kleinen Jäger und Aasfresser sicher besonders gut, bieten ihm die vielen Grünanlagen doch genügend Rückzugsgebiete. Er muss nur einmal den die Stadt eng umschnürenden Gürtel aus Schnellstraßen, Autobahnen und Eisenbahnnetz lebend überqueren, schon kann er sich hier für den Rest seines Lebens einrichten. Außer Autos hat er wahrlich nichts zu fürchten. Und da die Tollwut in Deutschland nahezu ausgemerzt ist, muss er sich vielleicht manchmal aggressiver Hunde erwehren, von deren sich um ihre vierbeinigen Lieblinge sorgenden Besitzern droht dagegen keine Gefahr. Das war vor 40 Jahren noch ganz anders. Damals lebte der Fuchs noch außerhalb der großen Städte, stahl sich aber gern mal als Eier- und Hühnerdieb in die Dörfer. Doch die viel größere Gefahr stellte er für die im entsprechenden Dorf ansässigen Hunde dar. Ich erinnere mich an einen Vorfall in den 60er Jahren, als, nachdem ein Fuchs plündernd durch diverse Hühnerställe gezogen war, danach alle frei laufenden und angeketteten Hunde erschossen wurden!!! Nur vier ihrer Art überlebten den Genozid. Der Jagdhund des örtlichen Försters, die zwei Hütehunde des Schäfers, die sich in jener Nacht glücklicherweise im Schafstall aufhielten und unser Harras, der die Nächte immer im Zwinger verbrachte. Mit vielen meiner Schulfreunde aber habe ich lange um deren kleinen Spitze, die damals als Hofhunde zu nahezu jedem Bauernhof gehörten,  getrauert.

Inzwischen aber geht diese Art Gefahr nicht mehr von den Füchsen aus, was wohl auch dazu führt, dass sie in urbanen Gebieten in gewisser Hinsicht geduldet werden und sich so ausbreiten und anpassen konnten.

Nun gehört Twickenham pro Forma auch zu London. Praktisch liegt es aber 16 km von Zentral London entfernt. Mit dem Zug braucht es 30 min von Waterloo Station, was ja schon am südwestlichen Rand der Millionenmetropole liegt, bis zu dem Vorort. Dabei weist nicht nur dieser Stadtteil selbst sehr ländlichen Charakter auf, auch auf der Zugfahrt geht’s vorbei and Feldern und Weideland. Auch hier sollten also Füchse im Stadtbild keine große Verwunderung auslösen.

Doch in einem 82000 fassenden Rugbystadion?

Das Spiel beginnt 15:00 Uhr und ab 12:00 Uhr geht in Twickenham schon nichts mehr. Zehntausend in überfüllten Zügen angereiste Fans tummeln sich zwischen Bier-und Fressbuden, sowie lokalen Verkaufs- und Werbeständen auf dem  Gelände in und um das Stadion. Die Wiesen sind umfunktioniert zu Parkplätzen und Hospility Bereichen. Auf riesigen Leinwänden kann, wer will, sich die Spiele vom Vortag ansehen. Aus Lautsprechern dröhnen alle hundert Meter Musik oder Werbeslogans. Der Rugbystore und das Rugbymuseum sind überfüllt, Security sichern die Eingänge zu den VIP- Bereichen. Von weither angereiste Fans lassen sich vor und untere dem Rugbymonument fotografieren. Und zwischen all dem Gewimmel und Gewusel bieten fliegende Händler Programme und Ref-links zum Verkauf. Schwarzhändler kaufen überzählige Karten und verkaufen diese wieder zum doppelten bis dreifachen Preis.

An den acht großen Eingangsbereichen finden doppelte Kontrollen, inkl. Taschenkontrollen, statt. Dann geht es, zwischen Verkaufsbuden und Bierständen hindurch über unzählige Treppen und Rampen in den Zuschauerbereich des Stadions.

Wie also soll ein Fuchs hier rein geraten? Durch den Trubel kann er sich kaum hierher verirren.

Und doch ist er da.

Die Teams haben gerade ihr Warm Up beendet, da rennt er, zur Erheiterung der Fan, übers Spielfeld.

Hat ihn ein besonders witziger Zuschauer etwa in einer Tasche herein geschmuggelt? Kaum vorstellbar; man bedenke die Taschenkontrollen.

Er kann nur in einem Müllcontainer gehockt haben. Und irgendwie so hierher gelangt sein.

Jetzt macht er jedenfalls einen sehr verwirten Eindruck. Angefeuert aus tausenden Kehlen rennt er kreuz und quer übers Spielfeld. Panisch, orientierungslos  und vor Schreck wie gelähmt. Irgendwann legt er sich hin. Das einsetzende Gelächter scheucht ihn wieder auf. So muss sich ein Tier während einer Treibjagd fühlen. Es scheint kein Entkommen zu geben.

Obwohl, bei Treibjagden gibt es ja den einen, die Gefangenschaft oder den Tod bedeutenden Ausweg. Als Jugendliche war ich oft als Treiber ans solchen Veranstaltungen beteiligt. Das war für uns immer eine Art Vergnügen, ordentlich Krach machend über Felder oder durch Wälder zu stapfen und dabei die Schlinge um die armen Hasen enger zu ziehen. Ein kleines Taschengeld hatte man sich am Abend einer solchen Jagd auch immer verdient. Und das mit viel mehr Spaß als beim Kartoffeln lesen oder Rüben hacken. Über die Angst und die Verwirrung, die wir bei den Tieren ausgelöst haben, mache ich mir erst jetzt, hier im Stadion,  Gedanken.

Der Fuchs ist noch da, als die Mannschaften einlaufen. Er ist auch noch da, als alle zum Gedenken an die Erdbeben und Tsunamiopfer in Japan in einer Schweigeminute verharren. Erst als die Nationalhymnen erklingen, macht sich ein einzelner Offizieller ans Werk und versucht, den ungebetenen Gast zu irgendeinem der Ausgänge zu treiben .Während das Flower of Scotland erklingt, gelingt ihm das auch und die Hymne der Schotten geht im tosenden Beifall unter. Und währen der arme Rotpelz nun wahrscheinlich extrem panisch durch die Katakomben des Stadions zu entkommen sucht, setzt das Spiel ein.

Ich frage mich, was aus ihm geworden ist. Wurde er hinaus ins Freie gejagt? Oder erschossen? Oder in eine Ecke getrieben und erschlagen? Kam ein Hundefänger mit einem großen Kescher? Und wie gesagt, wie ist er überhaupt herein gekommen? Passiert so etwas öfter? Wie wird in so einem Fall verfahren? Bei meiner kleinen Recherche im Internet habe ich fast nur von flugfähigen ungebetenen Gästen gelesen. Enten, Gänse oder auch mal eine Fledermaus, die sich gar in eine Spielhalle verirrt hatte. Nur einen Fall mit einem pelzigen Gast habe ich gefunden, allerdings war das ein Eichhörnchen und da kann man sich ja irgendwie vorstellen, dass es sich verklettert hat. Ich hab mich natürlich auf große Stadien und Spielstätten konzentriert. Auf kleinere Fußballplätze o.ä. verlaufen sich sicher öfter Wildtiere. Aber so problemlos, wie sie da hin gelangen, können sie bei dem Auftauchen größerer Menschenmassen ja auch wieder verschwinden. Aber in derart gesicherten Stadien, wie es das Twickenham Rugby Stadium ist?

Ich hoffe, dem Fuchs geht es gut und er war erfolgreicher als die Schotten. Die haben nämlich trotz großartigem Spiel und Kampf verloren.
Und besser als dem Referee, der mit einer Verletzung vom Platz musste! Ja, der Schiedsrichter!!!

Von The fox who wanted to play rugby, 2011-03-13-Six Nations England vs Scotland at Twickenham
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