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Couchsurfing gibt es eigentlich schon länger

November 17, 2010

“Participate in Creating a Better World, One Couch At A Time” (Mache mit bei der Erschaffung einer besseren Welt – Couch für Couch.)

Das ist das Motto des kostenlosen Gastfreundschaftsnetzwerkes couchsurfing.org, dass ich seit März 2009 nutze. Die Website hilft, kostenlos eine Unterkunft auf Reisen zu finden oder auch nur einen Einheimischen, mit dem man sich auf einen Kaffee trifft.  Für mich ist es viel spannender, Tipps von Einheimischen zu bekommen, als mit der Nase im Reiseführer die Sehenswürdigkeiten einer Stadt abzuklappern.

So ganz neu ist mir dieses Prinzip ja nicht. In den späten 70ern und in den Achtzigern habe ich unzählige Couches „gesurft“. Auch wenn wir das damals anders nannten. Es war auch lange vor der Zeit des world wide web und da nur die wenigsten in Ost- und Südosteuropa ein Telefon hatten, gab es auch keine langen Vorabsprachen, schon gar keine Auswahl. Die Unterbringung, die Gastfreundschaft basierte auf einem Solidaritätsprinzip –  wir waren ja alle gleich arm, durften nur beschränkt fremde Währung tauschen und wollten uns eine kleines Stück Freiheit bewahren, indem wir nicht mit dem Reisebüro fuhren, sondern eben spontan. Viele werden wohl ein Zelt mitgehabt haben, die, die ihre Freiheit extremer ausleben wollten, und zu denen gehörte ich, hatten nur einen Schlafsack dabei. Unterschlupf fanden wir bei Regen irgendwie immer, unter Brücken, in Bushaltestellen, auf Bahnhöfen… und bei trockenem Wetter war der freie Himmel unser Dach.

Und, irgendwie, lernten wir bei dieser Art zu Reisen, jede Menge Leute kennen. Sporadische Bekanntschaften, die oft zu spontanen Einladungen für die Nacht führten. Und manchmal auch zu länger währenden Freundschaften. Zu denen schickten wir dann auch gerne Freunde…

So wusste“ jeder“ in Leipzig, dass ich „ne Penne“ in Budapest habe, und wenn also einer meiner Freunde dahin wollte, gab ich ihm die Adresse und Wegbeschreibung. Umgedreht klingelten oft Leute aus Ungarn, Rumänien oder Polen an meiner Tür, mit einem Zettel in der Hand, ein Gruß eines Freundes darauf, verbunden mit der Bitte, die Reisenden für eine gewisse Zeit zu beherbergen.

„Die Gastfreundschaft“ so ist bei wikipedia zu lesen, „ist die freundliche Gesinnung, die einem Besucher von seinem Gastfreund bei seiner Beherbergung, Bewirtung und Unterhaltung entgegengebracht wird.“

An drei meiner schönsten oder verrücktesten Erlebnisse aus dieser Zeit möchte ich erinnern:

Eines Tages klopften Tschechen an meine Tür, es müssen 5 oder 6 Jungs gewesen sein. Sie wollten, ich wohnte damals illegal in einer Wohnung in der Paul-List-Straße, bei mir übernachten. Das Timing war schlecht. Ich hatte Geburtstag, eine Menge Freunde waren zwecks Feiern schon in meiner Wohnung versammelt und es lief der Rockpalast (in den 70ern und 80ern IMMER Anlass für eine Party bei jemanden, der den entsprechenden Sender empfangen konnte). Und wenn es Menschen gab, die mehr Alkohol konsumieren konnten als die sogenannten „Kunden“, dann waren es die Tschechen. Ich hatte also ernsthafte Bedenken, was meinen Getränkevorrat betraf. Tankstellen und Spätverkauf gab‘s ja nicht.

Himmel!

Das war der Osten!

Das waren die 80er!

Glücklicherweise blubberten damals in jedem zweiten Haushalt Weinballons, die haben uns die Nacht gerettet.

Einmal, als ich beim Freund eines Freundes in Budapest schlief, riss mich mein Gastgeber nachts aus dem Bett. Da waren Rumänen auf der Durchreise (es waren genau genommen Ungar- Rumänen), und die wollten mir unbedingt Guten Tag sagen. Das Treffen dauerte eine halbe Stunde, ich war müde,  sie sprachen schlecht Englisch, zeigten mir Gesticktes und Getöpfertes aus Rumänien und waren auf dem Weg in die DDR. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren sie schon weg. Aber! Ein paar Monate später übermittelte mir mein Ungarischer Freund ihre Einladung zu einer Bergtour im Fagaras! Ich habe natürlich angenommen.  Korres wurde einer meiner besten Freunde. Ich hab seine Kinder aufwachsen sehen, er und seine Frau haben viele meiner Freunde beherbergt, wir haben großartige Touren im Fagaras, im Königstein und anderen Gebirgen Rumäniens unternommen und 1990 gründeten wir einen Verein zur Unterstützung mittelloser Familien in Mircurea Ciuc, Korres Heimatstadt.

Irgendwann dazwischen klopften zwei Ungarinnen an meine Tür, ich wohnte inzwischen in einer WG im Waldstraßenviertel, mit Anzelm‘s Bitte, sie eine Woche zu beherbergen. Sie sprachen kein Wort Deutsch, oder Englisch, oder Russisch. Trotzdem hatten wir ne tolle Woche und viel Spaß. Erzählt haben wir uns auch viel, irgendwie.

Doch dann, nach der Wende, musste ich feststellen, dass die Leute im restlichen Europa anders ticken. Natürlich fand ich bei Freunden Aufnahme, bei manchen jedenfalls. Größtenteils gingen aber alle davon aus, dass ich im Hostel oder so übernachte. Davon, dass ich Freunde mitbrachte oder gar welche hinschickte, konnte nicht die Rede sein.

Dann entdeckte ich couchsurfing! Natürlich glaubte ich sofort an die Idee. Ich hatte sie ja 15 Jahre selbst gelebt und erlebt.

Seit März 2009 habe ich sehr unterschiedliche Menschen beherbergt, der Jüngste war 19, der Älteste 55. Sie kamen aus Deutschland, Frankreich, Mexiko, Israel und Schottland. Und obwohl über die Website eine gewisse Vorauswahl stattfindet, hinsichtlich der Frage, ob Gast und Gastgeber, was ihre Neigungen, Hobbies oder Lebensgewohnheiten betrifft, zusammen passen, waren sie alle so unterschiedlich ob Ihrer Lebensentwürfe, ihrer Geschichten und  ihrer Hintergründe. Fraglos war jede Begegnung eine Bereicherung; manche Gäste oder Gastgeber waren mir so ähnlich, dass wir uns in unseren Ansichten immer wieder gegenseitig bestätigen konnten, andere haben mir Einsichten vermittelt, die zu erfahren ich ohne couchsurfing vielleicht nie die Möglichkeit gehabt hätte, wieder andere haben mir geholfen, meinen Horizont und meine Toleranz zu erweitern. Immerhin treffen bei dieser Internet community ja, anders als früher in den 70ern und 80ern, wo zwar alles spontaner und unvorhergesehener war, die Leute sich aber in ihrer Lebensphilosophie weitestgehend glichen,  unterschiedlichste Menschen aufeinander. Und ihre Gründe, sich an so einem Projekt zu beteiligen, sind wohl auch sehr unterschiedlich. Bei meiner kürzlich erfolgten Suche nach Gastgebern in England und Wales, habe ich mich sogar gefragt, worin mancher Leute Motivation wohl bestehen mag.

Um es vorweg zu nehmen, ich hatte letzten Sommer wunderbare  Gastgeber in Glasgow und Newcastle. Und jetzt für den November hat mir eine Elli aus London, die eigentlich  im Urlaub im Norden ist, angeboten, nach Hause zurück zu kehren, falls ich nichts und niemanden finde.

Ich habe letztlich Couches  gefunden, in London, in Bristol und in Cardiff.

Nur, auf der Suche nach Menschen, bei denen ich gern ein paar Tage verbringen würde, bin ich über die merkwürdigsten Profile gestolpert. Mit soviel Regeln, die ich als Gast zu beachten hätte, und diese so ernsthaft vorgetragen, dass sie mir ein bisschen böse vorkamen. Ich hatte schon beim Lesen das Gefühl, nicht willkommen zu sein und fühlte mich direkt ausgeladen. Da wurde genau vorgeschrieben, wie ich den Kühlschrank zu benutzen habe, wann und wo ich zu essen habe, wie ich meine Sachen in Ordnung zu halten habe… Ich kam mir vor, als läse ich die Regeln eines Erziehungslagers.  Die Krönung war sicher jener Typ, der von seinen Gästen verlangte, täglich zu duschen.

Da frag ich mich, was ist die Motivation solcher Menschen, Teil einer Gastgebergemeinschaft zu werden. Wenn sie doch offenbar jedem Gast hinsichtlich seines Benehmens beargwöhnen.

Natürlich sind Regeln notwendig, wenn man einen Fremden in seine Wohnung lässt. Wir haben auch einige. Und die stehen, um Klarheit zu schaffen, auch in unserem Profil. Z. B. dass unsere Wohnung eine Nichtraucherwohnung ist. Dass Gäste, wenn sie in der Woche kommen, mit uns früh die Wohnung verlassen müssen.

Aber auf manchen Profilen fand ich so viele Regeln, dass ich mich geradezu eingeschränkt fühlte. Zudem hätte ich Angst gehabt, sie mir alle zu merken. Schließlich werde ich in diesem Urlaub bei vier verschiedenen Gastgebern sein. Wenn ich da jedesmal unterschiedliche Regeln zu beachten hätte…

Und die wichtigsten gebieten uns ja eh der Anstand:

Merke Dir immer: Du bist hier als Gast

Behandle Deinen Gastgeber so, wie Du selbst behandelt werden willst.

Denn, um noch einmal Wikipedia zu zitieren:

„Das Grundprinzip der Gastfreundschaft seit alters her ist wohl das der Gegenseitigkeit: man erhofft sich selbst, unter ähnlichen Bedingungen, gastfreundliche Aufnahme.“

weiter

Keine Couch gefunden...

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