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Komfort statt Interaktion

Mai 30, 2010

Als meine Tochter vor zwei Jahren im Krankenhaus lag, teilte sie sich, damals 16,  das Krankenzimmer mit einer 80jährigen Frau. Das war im höchsten Maße unpassend. Worüber unterhalten sich zwei Menschen, zwischen denen mehr als 60 Jahre Altersunterschied stehen und die nicht auf den Fundus gemeinsamer Verwandter zurückgreifen können? Über nichts. Außer  darüber, wie der gemeinsame Fernseher funktioniert. Im übrigen zieht sich der jüngere Mensch die Kopfhörer über und versucht, in eine Lektüre vertieft, die Geräusche der Bettnachbarin zu überhören. Abends wartet er, der jüngere, darauf, dass der ältere Mensch eingeschlafen ist. Dann kann der jüngere endlich den Fernseher ausschalten und damit auch die Geräusche, die trotz Kopfhörer aus dem Gerät dringen. Was die nächtlichen Geräusche des Bettnachbarn betrifft, … davor gibt es keine Rettung.

Als ich im Krankenhaus lag, hatte ich Glück. Ich  musste das Doppelbettzimmer mit niemanden teilen. Oder jemand anderes hatte Glück, evtl eine 16jährige Patientin, weil sie nicht mit mir im Zimmer lag.

Aber war das wirklich Glück? Als ich nach Hause entlassen wurde, hatte ich ein paar „einsame“ Tage hinter mir, die nur von den Routinebesuchen der Ärzte, der Schwestern, der Putzfrauen und des Küchenpersonals, sowie den Krankenbesuchen von Verwandeten und Freunden unterbrochen worden waren. Natürlich ist die Vorstellung, 6 Tage mit jemanden, den man nicht ausstehen kann, in ein Zimmer gezwungen zu werden, grausam. Aber ich erinnere mich an frühere Krankenhausaufenthalte. Als noch 6-10 Leute in einem Patientenzimmer lagen. Fernseher gab’s da keine. Aber natürlich auch da schon Leute, die man nicht leiden konnte. Immerhin sind Patientenzimmer Zwangsgemeinschaften. Aber unter den vier, sechs oder zehn Frauen im Zimmer war mindestens eine, mit der man sich verstand und also ein Gesprächsthema fand. Und weil niemand 10 Stunden am Tag lesen kann, unterhielt man sich, oder lästerte über die anderen,  statt wie heute den Fernseher anzuschalten oder die Kopfhörer überzustülpen. Interaktion und Kommunikation statt Komfort und Fortschritt. Ist das der Fortschritt? Die Zimmer sind komfortabler. Es gibt nicht nur Fernseher und Telefon, sondern jedes Zimmer hat auch seine eigene Toilette. Das ist natürlich sehr komfortabel und auf jeden Fall hygienischer. Aber allerorten hört man Beschwerden darüber, dass Patienten nur Nummern sind. Dass das Pflegepersonal viel zu wenig Zeit hat, sich um die Patienten zu kümmern. Ich kann mich nicht erinnern, dass die früher mehr Zeit gehabt hätten. Wenn ich es genau bedenke, waren sie insgesamt sogar weniger greifbar und vor allem das Servicepersonal viel unfreundlicher. Stellen die Einzel- und Doppelzimmer also tatsächlich eine Verbesserung dar? Verleiten sie nicht viel mehr, sich auf seine Krankheit zu konzentrieren und etwas mehr zu leiden? Sind die Beschwerden über mangelnde Betreuung in Krankenhäusern also viel mehr ein Ausdruck von Vereinsamung in denselben, hervorgerufen nicht durch die Abwesenheit des Personals sondern durch die Unmöglichkeit des Interagierens mit anderen Patienten? Und was ist Komfort? Un d was sind wir bereit, ihm zu opfern?

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One Comment leave one →
  1. August 20, 2010 12:34 am

    An sich n cooler post, aber kannst beim nachsten mal n bisschen detailierter sein?

    Gefällt mir

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