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AHB 1 – Zwangsgemeinschaften und Gehversuche

April 27, 2010

Seit 20.April also bin ich nun in Bad Schandau, in der Kirnitzschtalklinik zu meiner „Anschlußheilbehandlung“ .  Diese Klinik hatte ich mir ausgesucht wegen der Lage. Ich dachte, hier, in der Sächsischen Schweiz, hätte ich genug Möglichkeiten, dieser Zwangsgemeinschaft zu entfliehen. Nicht, dass mich Zwangsgemeinschaften mit Paranoia erfüllen. Ich lebe schließlich schon mein ganzes Leben damit: auf der Arbeit, im Studium, der Schule, Kindergarten, Kinderkrippe, Ferienlager. Und ist nicht die Familie in gewisser Hinsicht auch eine Art Zwangsgemeinschaft, wenn nicht gar deren Urform? Aber denen ist man nur zeitweise ausgeliefert. Feierabend, Wochenende und Urlaub sind selbstbestimmt… und ab einem bestimmten Alter kann ich, wenn ich will, sogar der Familie entfliehen bzw mir meine eigene  gründen.

In einer Kurklinik aber, da gibt’s nur die Flucht nach draußen, oder ins eigene Zimmer. Meins ist das vorletzte  ganz am Ende des Ganges in der obersten Etage.

Kurkliniken stellen irgendwie einen eigenen kleinen Mikrokosmos dar. Menschen gehen seltsam vertraut miteinander um. Das ist fast wie in einem Sportverein, wo ein bestimmtes Interesse miteinander verbindet.  Nur,  wo man sich im Verein über ein gemeinsames Interesse nur langsam aneinander herantastet, scheinen es die Leute in Kliniken, wo die Gemeinsamkeit in Form von ähnlichen Krankheitsbildern ja gegeben ist, eilig zu haben. So als wüßten sie, dass sie nur drei, höchstens vier Wochen Zeit haben, sich einander kennenzulernen und würde sie die Gewissheit, dass man sich nach dieser Zeit nie wieder sieht, für Kontakte offener machen.

Meine ersten Kontakte hatte ich natürlich zu meinen fünf Tischgenossen. Ich bin im kleinen Speiseraum untergebracht. Dort sitzen keine Stützpatienten, was bedeutet, dass uns auch die sehr viel älteren Patienten erspart bleiben, jedenfalls während des Essens. Und in den Gruppentherapien trifft man ja auch auf Patienten mit ähnlichen Krankheiten, so dass man die Herrschaften mit den künstlichen Knie- oder Hüftgelenken nur auf den zahlreichen Gängen oder im Park trifft. Sie entwickeln übrigens, genau wie auf Fähren oder wo immer es Büffets gibt, eine erstaunliche Geschwindigkeit, wenn es zum Essen geht. Aber manche sind so alt, dass sie zumindest in den ersten Tagen etwas orientierungs- und hilflos wirken. In einer fremden Umgebung, mit fremden Regeln, fremden Personal und diesen unverständlichen Behandlungskarten. Mir tun sie oft leid. Deshalb, und auch weil ich mich auf Bad Schandau gefreut hatte, habe ich mir von Anfang an angewöhnt, alle anzulachen und freundlichst zu grüßen. Der Effekt ist erstaunlich. Selbts die mürrischsten Zeitgenossen kriegt man nach drei Tagen permanenten fröhlichem Gegrüße (man begegnet ja jedem Mitbewohner durchschnittlich fünf mal am Tag) dazu, dass er oder sie lächelnd zurückgrüßt. Und ich hatte nach kurzer Zeit sogar einen Fan. Ein sehr viel älterer Herr von meiner Etage nennt mich „das fröhliche Mädchen“.

Von Bad Schandau hatte ich bis jetzt noch nicht soviel. Nach der OP hatte ich nur gelegen, so dass ich immer noch nicht weit laufen kann. Da waren mir anfangs die Wege, die ich innerhalb der Klinik zurückzulegen hatte, und die Behandlungen genug. Nicht mal während der Malzeiten kann ich länger als 15-20 Minuten sitzen, dann muss ich mich wieder in mein Zimmer aufs Bett flüchten und mich erst mal lang machen. So bleiben die Kontakte zu meinen Tischgenossen auf die Malzeiten und zufällige Begegnungen während der Gruppentherapien beschränkt. Das ist eine lustige Gesellschaft, die mit den Nachbartischen um die Wette gickert und gackert. Birgit und Diana unternehmen zudem jedenNachmittag lange Shoppingtouren in die Stadt. Was mich mit Neid erfüllt. Nicht wegen des Shoppens, sondern wegen der Möglichkeit der Bewegung. Dieter hat sich am Sonntag sogar vom Mittagessen abgemeldet und ist stundenlang in der Sächsischen rumgewandert. Das ist vielleicht gemein. Ich hab mich am Freitag grad mal in den Kurpark gewagt. Prompt war mir abends schlecht und ich musste mir das Essen aufs Zimmer kommen lassen. Da bleibt mir nur mein Zimmer, obwohl inzwischen schaffe ich schon 10 Minuten durch den Park. Aber wie es aussieht, muss ich da wohl noch etwas Geduld beweisen.

Kurpark der Kirnitzschtalklinik in Bad Schandau

Kurpark

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