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Geduld, Familie und Interaktion im Patientenzimmer

April 12, 2010

Eine Eigenschaft, die ich nicht besitze, ist Geduld.
Eine Lektion, die ich gerade lerne, heißt Geduld.
Es ist schwer, sich an die Bettruhe zu halten, wenn man das Gefühl hat, dass es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht. Also bin ich hie und da aufgestanden, in der Wohnung rumgerannt, hab mich da mal 5 Minuten hingesetzt und dort mal 10 Minuten. Samstag Abend hatte ich dann nicht nur wieder Schmerzen in den Beinen, auch die OP-Stelle tat höllisch weh. Sonntag bin ich brav liegengeblieben. Auch wenn es noch so langweilig war und ich noch so viele Ideen hatte, was ich hätte tun können.
Im Krankenhaus, das war eine ganz merkwürdige Erfahrung, war derTagesablauf strukturiert durch die Mahlzeiten, Fiebermessen, Medikamentengabe, Bettenmachen, Zimmerreinigung und den Besuch vom Arzt. Dazwischen Langeweile. Heutzutage liegt man ja im Zwei-Bett-Zimmer mit TV.
Ich hatte Glück und war allein. Das ist wirklich Glück. Denn was ist, wenn die Zimmergenossin unsympatisch und Volksmusikfan ist? Das Grauen schlechthin! Doppel- und Einzelzimmer werden wahrscheinlich als Errungenschagt des Westens oder der Neuzeit oder was immer gefeiert.
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo ich im 6-Bettzimmer lag ( ja! Ich war vor Jahrzehnten schon mal im Krankenhaus) und wir kein TV hatten. Da waren wir irgendwie gezwungen, miteinander zu kommunizieren und interagieren. Natürlich waren mir nicht alle sympatisch. Aber bei vier oder sechs Leuten auf einer Bude, findet man wenigstens einen, mit dem oder der man kann. Das war irgendwie nicht so langweilig wie mein letzter Krankenhausaufenthalt….
Heutzutage leben die Menschen ja immer isolierter. Großfamilien leben nicht mehr zusammen bzw können, wenn sie in der Stadt wohnen, gar nicht zusammenleben, weil es den entsprechenden Wohnraum nicht gibt. Jede Generation lebt für sich und anstelle der Mütter oder Großmütter, die jungen Müttern früher in den ersten Tagen ihrer Mutterschaft helfend und ratschlagend zur Seite standen, sind die Kinderärzte gerückt. Davor sind Frauenärzte der wichtigste Ratgeber der werdenden Mutter. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Schwangerschaften heute entweder als Krankheit gelten oder als etwas phänomenal Einzigartiges, Bedeutendes, Unglaubliches, Aufsehenerregendes,

Kind sein in der Stadt

dass unbedingt entsprechend in Szene gesetzt werden muss. Der natürliche Umgang mit diesem natürlichen Vorgang, das persönliche Glück mit diesem stillen Wunder scheint den Menschen abhanden gekommen sein. Und dann, wenn das Kleine da ist, fehlen die Großmütter nicht nur den jungen Müttern, sondern auch den kleinen Erdenbürgern. Statt der gelassenen Aufsicht eines alten weisen Familienmitglieds gibt es entweder Förderung oder Vernachlässigung. Mütter und Väter sitzen mit im Sandkasten und überwachen jede Regung ihres Sprösslings. Klaut Torben Malte die Schippe, werden die beiden kaum noch Gelegenheit haben, dass untereinander zu regeln, dafür sind Mama und Papa da. Und haut einer der beiden gar Cheyenne, streiten sich im besten Fall deren Behüter. Soziale Kompetenz erlernen die lieben Kleinen dabei wohl nicht. (Bin übrigens gespannt, wie diese Kinder, wenn sie dereinst als Mama oder Papa im Sandkasten sitzen, die Probleme ihres Nachwuchse regeln – prügeln die sich dann? Oder schalten einen Anwalt ein?). Aber wenigstens haben diese Kinder, glaube ich, keine Sprachprobleme.
Das sind wohl mehr die anderen. Die, die vorm Fernseher groß werden. Aber dafür soll es ja vielleicht mal Logopäden in den Kindergärten geben, oder die Kindergärtnerinnen logopädisch aus- oderweitergebildet werden. Was weiß ich. Irgendwie wirds der Staat schon richten.
Das ist schließlich nicht Elternsache.
Oder doch?
Klar, die Arbeit. Ich seh das wirklich ein. Als ich Kind war, das ist freilich ne Weile her, da gingen noch beide Elternteil arbeiten- im Osten war das so. Da gab’s eine alte Frau, die wir Oma nannten und einen sehr alten Mann, den wir Opa nannten, die saßen immer irgendwo rum, wenn wir spielten. So waren wir nie ohne Aufsicht. Geregelt haben die Alten allerdings nichts für uns, die holten im Notfall nur Hilfe.
Meine Töchter sind da schon anders groß geworden. Da lebten die Generationen schon getrennt. Die waren also im Kindergarten. Und wenn ich mal was vor hatte, waren die bei der Uroma, die ja immer Zeit hatte, wenn sie auch wacklig auf den Beinen war. Aber um auf’m Hof zu sitzen, da war auch der Uropa noch rüstig genug. Und auf dem Spielplatz… da hab ich mir die Bank gesucht, die am weitesten vom Sandkasten entfernt war und mir mein Buch rausgeholt. Schließlich braucht auch eine Mutter mal Zeit für sich. Meine Töchter haben ihre Dinge selber geregelt. Und die Art Geschrei, wenn etwas wirklich schlimmes passiert ist, die hört man. Das ist ne Art Instinkt. Da muss sich keine Mutter Sorgen machen. Und Väter denke ich auch nicht. Inzwischen sind meine Töchter 17 und 25. Ich würde sie als sozial kompetent einschätzen, auch wenn sie beide so grundverschieden sind. Was mich aber wirklich stolz macht, ist, dass die beiden sich wirklich gern haben und es nie, wirklich nie, ernsthaften Zoff zwischen beiden gab. Das ist was, was auch Freunden und Bekannten auffält…
Aber, um zum Thema zurückzukommen: Vielleicht ist das ja alles einer der Gründe, warum man Kranke nicht in Mehrbettzimmer legen kann. Oder wär das etwa eine Chance, die Isolation zu durchbrechen? Wenigstens für den kurzen Moment des Krankseins?

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